Philosophische  Fakultüt:  Vergleichende  Sprachwissenschaft.  205

vorzüglich  die  slawischen,  zu  ihrem  Rechte.  Zumal  in  seinen  letzten
Jahren  las  er  fast  ausschließlich  über  diese.  Ein  zweites,  worin
Schleicher  von  den  früheren  abwich,  war  die  straffere  Methode  der
Vergleichung;  er  ging  nicht  wie  Bopp  und  dessen  Genossen  vom
Sanskrit,  sondern  von  der  zu  konstruierenden  Ursprache  aus.  Sein
aus  den  Vorlesungen  über  vergleichende  Grammatik  hervorgegangenes
Kompendiun,  ein  Buch,  das  eine  neuc  Epoche  der  Sprachwissenschaft
bezeichnet,  gibt  von  diesem  seinem  Verfahren  ein  Bild.  Endlich
gebührt  ihm  der  Ruhm,  zuerst  sprachwissenschaftliche  Übungen
abgehalten  zu  haben  (von  1859  an).

An  wissenschaftlicher  Bedeutung  Schleicher  nicht  von  ferne
gleichkommend,  hat  Curtius  ihn  an  Weite  der  akademischen  Wirksamkeit
  wesentlich  übertroffen.  Curtius  war  der  erste  klassisch-philologische
  Universitätslehrer,  der  sich  Kenntnis  des  Sanskrit  und  Bopps
Resultate  und  Methode  angeeignet  hatte  und  dies  für  den  akademischen
Unterricht  in  Griechisch  und  Latein  zu  verwerten  wußte.  Er  vertrat
diese  Weise  schon  als  Dozent  in  Berlin  (1846—  1849),  aber  am  vollsten
kam  sie  zur  Geltung  während  seines  klassisch-philologischen  Ordinariats
in  Leipzig  (1862—  1885),  wo  er,  zumal  in  den  siebziger  Jahren,  in  scinen
Vorlesungen  über  lateinische  und  griechische  Grammatik  und  über
Elemente  der  Sprachwissenschaft  Scharen  von  Zuhörern  um  sich
sammelte,  wie  vielleicht  nie  ein  Indogermanist  vor-  oder  nachher.  Dieser
Erfolg  beruhte  vornehmlich  auf  dem  von  Curtius  auch  in  scinen
Schriften  bewährten  didaktischen  Geschick,  vermöge  dessen  er  alles
Unabgeklärte  und  alles  wirklich  oder  scheinbar  Unwesentliche  (freilich
damit  auch  manche  tiefere  Einsicht  und  feinere  Forschung)  von  seiner
ruhig  dahinfließenden,  klaren  Darstellung  fern  hielt  und  sıch  völlig
auf  den  Standpunkt  ausschließlich  klassisch-philologisch  gebildeter
Hörer  zu  versetzen  vermochte.  Rühmende  Erwähnung  verdienen
auch  die  von  ihm  lange  Jahre  hindurch  geleiteten,  halb  seminaristisch
organisierten  sprachwissenschaftlichen  Übungen.  Die  von  Curtius  herausgegebenen
  zchn  Bände  Studien  zur  griechischen  und  lateinischen
Grammatik,  worin  er  die  Forschungen  der  tüchtigsten  Schüler  zusammenstellte,
  waren  ein  Zeugnis  seiner  Fähigkeit,  Mitarbeiter  heranzubilden.

In  den  siebziger  Jahren  war  die  Überzeugung  von  der  Notwendigkeit
  sprachwissenschaftlichen  Unterrichts  allgemein  geworden.
Die  Resultate  der  jungen  Wissenschaft  waren  durch  Curtius'  Handbücher
  und  Unterricht  den  klassischen  Philologen,  durch  Max  Müllers
glänzend  geschriebene  Vorlesungen  über  die  Wissenschaft  der  Sprache
auch  weitern  Kreisen  nahe  gebracht.  Die  Forschung  selbst  war  durch