Philosophische  Fakultät:  Vergleichende  Sprachwissenschaft,  207

Nur  einen  Vertreter  für  beide  Fächer  haben  die  Universitäten  Kiel,
München,  Münster,  Tübingen,  Würzburg  sowie  (in  der  Form  von
Extraordinariaten)  Greifswald  und  Rostock.  Die  Zahl  der  Privatdozenten
  des  Fachs  ist  verhältnismäßig  gering.

Die  indogermanistischen  Vorlesungen  sind  mannigfaltig  gestaltet,
teils  allgemein  cinführend  und  über  die  Hauptaufgaben  und  Probleme
orientierend,  teils  (und  diese  besonders  von  Johannes  Schmidt  entschieden
  und  ausschließlich  befolgte  Praxis  scheint  jetzt  vorzuherrschen)
auf  cine  einzelne  Sprache  (vorzüglich  Griechisch,  Latein,  Gotisch)  beschränkt,
  sie  durch  Vergleichung  erklärend,  an  ihr  die  linguistische
Erkenntnis  exemplifizierend.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  durch  diese
mehr  spezialistischen  Vorlesungen  die  Indogermanisten  in  Arbeitsgemeinschaft
  mit  den  Vertretern  der  betreffenden  Philologien  treten.
Ja  der  Austausch  geht  noch  weiter.  Mehrere  Indogermanisten  lesen
teils  auftragsgemäß,  teils  weil  es  in  der  Richtung  ihrer  Studien  liegt,
auch  über  rein  philologische  Gegenstände,  z.  B.  über  Homer.  Umgrekehrt
  wiederholt  sich  die  Erscheinung,  die  für  die  Entwicklung  der
Wissenschaft  charakteristisch  war,  daß  nämlich  die  wichtigste  Arbeit
für  sprachwissenschaftliche  Prinzipienlchre  und  für  Phonetik  von
Germanisten  geleistet  wurde,  in  freilich  viel  geringerem  Maße  auch  im
Unterricht.  Und  für  die  Umgestaltung  der  Sprachwissenschaft  in  den
siebziger  Jahren  waren  die  Vorlesungen  des  allerdings  von  der  Sprachvergleichung
  ausgegangenen  Slawisten  Leskien  von  entscheidender
Bedeutung.  —  Daß  Deutschland  nur  eine  keltische  und  nur  drei
slavische  Professuren  besitzt  (die  erstere  in  Berlin,  die  letzteren  in
Berlin,  Breslau,  l.eipzig),  und  man  daher  im  übrigen  für  diese  Sprachen
wie  fürs  Litauische  auf  die  Indogermanisten  angewiesen  ist  und  diese
nicht  alle  dafür  aufzukommen  vermögen,  sei  nur  anhangsweise  erwähnt.

Fast  allgemein  eingeführt  sind  sprachwissenschaftliche  Übungen.
In  Gießen,  Göttingen  und  Leipzig  ist  ihr  Betrieb  durch  die  Einrichtung
  von  Seminarien,  d.  h.  von  Arbeitsräumen  und  Handbibliotheken,
  gefördert  worden.

Jakob  Wackernagel.