&gt;10  l.ehrgebiet  und  Lehrbetrieb.

seschichte  im  höchsten  Sinne  anzustreben.  Auf  der  anderen  Seite
suchte  man  gerade  im  Gegensätze  zu  den  herangewachsenen  Einzeldisziplinen
  das  staatliche  Leben  der  Vergangenheit  um  so  nachdrücklicher
  als  den  Inbegriff  aller  Geschichte  herauszustellen.  Zum  mindesten
  sollte  hier  die  Geistesgeschichte,  wie  dort  die  politische  Geschichte
in  den  höheren  Begriff  eingeschlossen  werden.  Ein  lehrreicher
Meinungsaustausch.  Auszutragen  sind  solche  Dinge  in  dieser  Allgemeinheit
  nicht,  so  wenig  wie  die  viel  erörterte  Streitfrage,  ob  in  den
historischen  Darstellungen  mehr  die  vorzüglich  bekannten  Handlungen
der  großen  Männer  oder  die  Massenerscheinungen  herausgearbeitet
werden  sollen.  Die  Zeiten  und  die  Quellen  sind  verschieden  geartet,
und  für  die  Darstellung  gibt  es  unendlich  viele  Kombinationen  der
Mittel.  Die  Individualitäten  haben  ihre  Neigungen  und  Talente,  und
die  Blüte  unserer  Wissenschaft  wurzelt  in  der  Kraft  der  Individualität.
Manche  unter  unseren  Historikern  neigen  zur  Literärgeschichte,  zur
Kunstgeschichte  oder  zur  Wirtschaftsgeschichte;  andere  wären  besser
Theologen  oder  Juristen  geworden,  und  nicht  wenige  sind  durch  die
(Quellenstudien  derartig  in  Anspruch  genommen,  daß  sie  sich  durch
nichts  vom  Philologen  unterscheiden.  Die  methodische  Forschung
ist  ihnen  allen  gemeinsam;  in  der  Darstellung  aber  äußert  sich,  neben
der  geschichtsphilosophischen  Auffassung,  die  größere  oder  geringere
Neigung  zu  ciner  Seite  des  geschichtlichen  Lebens,  zur  Isolierung
oder  zur  Zusammenfassung  der  Erscheinungen.  Austausch  der  Ergebnisse
  und  Vertiefung  der  Erkenntnis  durch  die  reicheren  Mittel  wird
überall  angestrebt.  Aber  als  Kern  der  Geschichtswissenschaft  im
engern  Sinn  gilt  in  der  Tat  noch  immer  die  cben  anderweitig  nicht
vertretene  Geschichte  des  staatlichen  Lebens;  und  in  merkwürdiger
Umkehrung  des  Prozesses,  der  sich  bei  den  übrigen  humanistischen
Disziplinen  vollzogen  hat,  wird  den  Historikern  in  der  Politik  die
entsprechende  systematische  Wissenschaft  zugestanden.  Sie  lesen
freilich  die  Politik  als  System  jetzt  selten,  beschäftigen  sich  aber  um
so  häufiger  in  Vorlesungen  und  Übungen  mit  der  Geschichte  der
politischen  Theorien,

Nicht  ohne  ursächlichen  Zusammenhang  mit  der  geschilderten
Entwicklung  hat  sich  der  Kreis  der  Hörer  für  die  eigentlichen  Historiker
  verengt.  Während  die  Mediziner  ihre  allgemein  naturwissenschaftliche
  Vorbildung  nach  wie  vor  in  der  philosophischen  Fakultät
finden,  suchen  die  Theologen  und  Juristen  (außer  in  Bayern)  ihre
allgemein  historische  Schulung  nur  zu  sehr  in  den  eigenen  geschlossenen
Fakultäten.  Sie  begnügen  sich,  ohnchin  stark  in  Anspruch  genommen,