212  Lehrgebiet  und  Lichrbetrieb.

Unter  den  Vorlesungen  aus  der  neueren  Geschichte  mehren  sich  diejenigen
  über  die  englische  See-  und  Kolonialmacht,  über  Kolonialpolitik
  und  Handelsgeschichte,  über  die  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  und  ihre  Wirtschaft.  Sogar  auf  dem  Gebiet  des  Altertums
begegmet  man  der  Sozialgeschichte  und  den  sozialen  Theorien;  unverkennbar
  ist  auch  hier  die  Bevorzugung  der  universalen  Stoffe,
Alexander,  Hellenismus,  Römische  Kaiserzeit,  vor  der  engeren  Geschichte
  der  alten  Republiken.

So  ist  die  Gesch‘chtswissenschaft  an  den  deutschen  Universitäten
im  Prinzip  ganz  umfassend  und  frei;  in  der  Praxis  aber  für  ihre  Fachvertreter
  durch  cine  Reihe  von  Faktoren  näher  bedingt  und  bestimmt.
Der  Unterricht  sucht  seinen  allgemeinen  Charakter  zu  wahren;  tatsächlich
  liegt  sein  Nachdruck  auf  der  entsprechenden  wissenschaftlichen
  Vorbildung  des  künftigen  l.chrers  an  den  höheren  Schulen.

Den  Unterricht  dienen  von  alters  her  Vorlesungen  und  Übungen.
Das  äußerlich  Charakteristische  der  Vorlesungen  ist  die  einheitliche
Behandlung  eines  abgeschlossenen,  meist  umfassenderen  Stoffes,  das
innerlich  Charakteristische  die  zusammenhängende,  im  einzelnen  vorbereitete
  Erörterung  oder  Erzählung  durch  den  Dozenten.  Das
Charakteristische  der  Übungen  liegt  in  der  Wechselwirkung  zwischen
dem  Dozenten  und  den  Studierenden  in  Frage  und  Antwort,  Vortrag
und  Diskussion.  Die  Vorteile  der  Übungen,  die  einigermaßen  allem
sonstigen  Unterricht  zu  vergleichen  sind,  liegen  auf  der  Hand.  Sie
scben  dem  Dozenten  einen  Maßstab  für  die  Wirkung  seiner  Vorlesungen
und  Besprechungen,  sie  bringen  ihn  in  nähere  persönliche  Berührung
mit  den  Studierenden  und  geben  diesen  selbst  die  Möglichkeit  methodischer
  Produktion.  Es  ist  auch  keine  Frage,  daß  die  Vorlesungen
nicht  mehr  eigentlich  die  Bücher  zu  ersetzen  haben,  seitdem  Handbücher
  und  andere  Hilfsmittel  massenhaft  vorhanden  sind.  Gleichwohl
behalten  die  Vorlesungen  ihren  unersetzlichen  Wert,  und  die  Forderung,
  sie  einzuschränken  zugunsten  vermehrter  Übungen,  ist  einstweilen
  ziemlich  allgemein  abgelehnt  worden.  Der  Wert  der  cinheitlichen
  zusammenhängenden  Erörterung  eines  Stoffes  durch  die  lebendige
Persönlichkeit  des  Vortragenden  ist  weder  durch  Bücher  noch  durch
Übungen  zu  ersetzen.

Immerhin  gehen  schon  für  die  jüngeren  Studierenden  Vorlesungen
und  Übungen  neben  einander  her.  Ein  bestimmter  Lehrgangr  besteht
nicht.  Am  ehesten  liegt  noch  in  den  Übungen  ein  Aufsteigen  vom
Leichteren  zum  Schwereren,  da  an  den  meisten  Universitäten  die