Philosophische  Fakultät:  Geschichte.  215

Scheidung  in  historisches  Proseminar  und  Historisches  Seminar  durchgeführt
  ist.  Die  historischen  Proseminare  oder  die  Übungen  für  Anfänger
  werden  von  Jüngeren  Professoren  oder  Privatdozenten  gehalten:
sie  erfordern  meist  zwei  Stunden  wöchentlich  und  sollten,  wie  die
Seminare,  stets  in  besonderen,  mit  Handbibliothek  ausgestatteten
Räumen  abgehalten  werden.  Denn  eine  wesentliche  Aufgabe  der
Proseminare  liegt  darin,  die  Anfänger  mit  den  Hilfsmitteln  der  Wissenschaft
  vertraut  zu  machen;  cs  geschieht  das  bald  systematisch,  bald
nach  Gelegenheit  des  Ganges  der  Übungen.  Diese  selbst  schließen
sich  an  die  wichtigsten  Arten  von  Geschichtsquellen  an;  mittelalterliche
  Quellen  werden  für  die  Propädeutik  wegen  der  einfacheren
historischen  und  der  besonders  ergiebigen  quellenkritischen  Verhältnisse
bevorzugt.  Die  Quellen  werden  gelesen  und  interpretiert;  ihre  Überlieferungsgeschichte
  wird  dargelegt,  die  Mittel  der  Kritik  und  die
Anlässe  zur  Kritik,  die  in  Überlieferung  oder  Entstehung  der  Quellen
liegen,  werden  besprochen  und  die  Anwendungen  auf  verwandte  Fälle
gesucht.  In  leichteren  Beispielen  werden  auch  historische  Probleme
selbst  unter  Heranziehung  und  Vergleichung  der  für  ihre  Lösung  in
Betracht  kommenden  Quellen  vorgeführt.  Die  Studierenden  erhalten
fortgesetzt  Gelegenheit  zur  Äußerung,  unter  Umständen  auch  zu
kleineren  Referaten  oder  schriftlichen  Arbeiten.  Besondere  Prüfungen
gibt  cs  nicht.

Erst  vorgeschrittene  Studenten,  etwa  des  4.  oder  5.  Semesters,
werden  in  die  cigentlichen  historischen  Seminare  aufgenommen.
Während  die  Änfängerübungen  in  der  Regel  allgemein  zugänglich
sind,  haben  die  Seminare  den  Charakter  der  Privatissima.  Der  Professor
  nimmt  nur  digjenigen  auf,  die  ihm  nach  ihrer  Vorbildung  und
nach  ihrem  Streben  dazu  geeignet  erscheinen;  die  Zahl  der  Teilnehmer
soll  nicht  zu  groß,  ihre  Vorbildung  annähernd  gleichwertig  sein.  Ein
gewisses  Maß  von  Kenntnissen  in  der  Quellenkunde  und  in  der
allgemeinen  Verfassungsgeschichte,  eine  gewisse  Bekanntschaft  mit
der  historischen  Literatur  und  die  Grundlagen  der  historischen
Methode  werden  vorausgesetzt.  Der  Zweck  der  Seminarübungen  ist
überall  derselbe:  die  jungen  Ilistoriker  zu  selbständigem  Urteil  gegenüber
  Literatur  und  Quellen  und  damit  zu  eigenen  wissenschaftlichen
‚Arbeiten  zu  erziehen.  Mit  Vorlicbe  werden  deshalb  in  den  Seminaren
Kontroversen  oder  solche  Fragen  gewählt,  die  bis  dahin  überhaupt
noch  nicht  eingehender  behandelt  worden  sind;  am  lebendigsten
gestalten  sich  die  Übungen,  wenn  der  L.eiter  des  Seminars  Ausschnitte
  aus  den  eigenen  in  der  Entstehung  begriffenen  Arbeiten  mit