2314  l,ehrgebiet  und  T.ehrbetrieb.

seinen  Schülern  behandelt  und  durch  den  Eifer  des  Forschers  die
Wärme  des  I.chrers  erhöht.  Indessen  ist  die  Anlage  der  Seminarübungen
  nach  der  Figenart  des  Leitenden  überaus  verschieden.  Die
einen  sind  eintönig,  aber  stofflich  wohl  durchdacht,  andere  bei  geringerer
  Gründlichkeit  spannend  und  in  hohem  Grade  anregend.  Dic
Freizügigkeit,  die  an  unseren  Universitäten  herrscht,  und  der  freie
Wettbewerb  selbst  an  den  einzelnen  Hochschulen  bringt  die  Studierenden
  in  förderlichem  Wechsel  bald  unter  die  eine,  bald  unter  die
andere  Einwirkung.

So  verschieden  wie  die  Individualität  der  I.chrer  und  die  Praxis
der  Seminarleitung  ist  die  äußere  Finrichtung  unserer  Seminare.
Besondere  Räume  mit  entsprechender  Handbibliothek  und  sonstigen
Arbeitseinrichtungen,  den  Mitgliedern  des  Seminars  täglich  zugänglich,
ribt  es  jetzt  an  allen  deutschen  Universitäten.  Aber  neben  den
prächtigen,  wut  ausgestatteten  und  zureichend  dotierten  Seminaren
etwa  der  Universitäten  l.eipzig  und  Straßburg  gibt  cs  noch  recht
rückständige  Einrichtungen,  und  cs  liegt  zutage,  daß  die  Versorgung
der  historisch-philologischen  Seminare  zur  Zeit  nicht  entfernt  verglichen
  werden  kann  mit  der  glänzenden  Ausstattung  der  naturwissenschaftlichen
  Institute.  Bei  den  letzteren  geht  cben  das  wissenschaftliche
  Bedürfnis  der  Dozenten  mit  den  Frfordernissen  des  Unterrichts
  Hand  in  Hand,  während  unsere  Arbeit  doch  nur  an  die  Güte
der  öffentlichen  Bibliothek  und  so  gut  wie  gar  nicht  an  die  Vortrefflichkeit
  des  Seminars  gebunden  ist.  Allein  so  erklärlich  die  unzulängliche
  Ausstattung  vieler  Seminare  ist,  so  erwünscht  ist  ihre  Verbesserung
  im  Interesse  des  Unterrichts.  Insbesondere  vermag  der  an
reicheres  Demonstrationsmaterial  gebundene  Unterricht  in  den  historischen
  HHilfswissenschaften  fast  durchweg  nicht  die  Erfolge  zu  erzielen,
die  dem  Stande  dieser  Wissenschaften  bei  uns  entsprechen  würden.
Die  Regierungen  haben  diesen  Dingen  seit  einigen  Jahren  ihre  Aufmerksamkeit
  zugewandt,  und  die  Versuche,  einstweilen  durch  Vereinigung
  der  T.chrmittel  und  L.chrkräfte  an  der  einen  oder  anderen
Universität  abzuhelfen,  stehen  in  enger  Beziehung  zu  der  öfters  aufzetretenen
  Idee  besonderer  Anstalten  für  die  Vorbildung  der  Ärchivare,
Bibliothekare  und  Mitarbeiter  an  gelehrten  Instituten,  etwa  nach  dem
Vorbild  der  Ecole  des  chartes  zu  Paris  oder  des  Instituts  für  österreichische
  Geschichtsforschung  in  Wien.  Die  vor  zehn  Jahren  durch
H.  v.  Sybel  an  der  Universität  Marburg  ins  Leben  gerufene  Archivschule
  hat  sich  freilich  in  ihrer  Isoliertheit  kaum  behauptet,  geschweige
denn  in  jener  Richtung  fortentwickelt.