Far  Lehrgeliiet  und  T.chrbetrieb.

In  nächster  Beziehung  zur  allgemeinen  Geschichte  des  Mittelalters
  und  der  Neuzeit  steht  die  neuere  Kunstgeschichte,  die  gelegentlich
sogar  von  denselben  Dozenten  vertreten  wird  und  sich  ausgesprochen
oft  zur  Kunst-  und  Kulturgeschichte  erweitert.*)  Die  bevorzugten
(Gebiete  sind  italienische  Kunst,  vornehmlich  der  Renaissance,  niederländische
  Kunst  und  deutsche  Kunst  des  Mittelalters,  des  XVT.  und
des  XIX,  Jahrhunderts.  Gern  strebt  die  Kunstgeschichte  in  der
Beschränkung  auf  einzelne  Stätten  auch  nach  der  lokalgeschichtlichen
Färbung.  Die  Vorlesungen  werden  an  den  meisten  Universitäten
durch  die  Anwendung  des  Skioptikons  erheblich  unterstützt  und  erfreuen
  sich,  ebenso  wie  die  Erklärung  der  Kunstwerke  in  Samnilungen
und  auf  Exkursionen,  zur  Zeit  der  lebhaftesten  Teilnahme  der
Studierenden.

Fs  ist  für  das  gegenwärtige  deutsche  Geisteslcben  sehr  bezeichnend,
  daß  neben  einzelnen  sozialpolitischen  Vorlesungen  fast  nur
noch  die  kunsthistorischen  in  bedeutenderem  Umfange  Studierende
aus  allen  Fakultäten  vereinigen.  In  den  Zeiten  unserer  Väter  nahm
die  Geschichte  eine  derartig  beherrschende  Stellung  als  allgemeines
Bildungsmittel  ein.  Für  die  in  ihren  geistig  regsamsten  Elementen
stark  schöngeistig  geartete  Jugend  unserer  Tage  ist  die  Kunstgeschichte
und  etwa  noch  die  neuere  Läteraturgeschichte  dafür  eingetreten.  Die
Gründe  für  die  Wandlung  liegen  unter  anderm  auch  in  der  innen
Entwicklung  der  Geschichtswissenschäaft.  Eine  Periode  angestrengtesten
und  stellenweise  ausschließlichen  Quellenstudiums  liegst  hinter  uns;  die
Sorge  um  das  Detail  der  Forschung  hat  von  großen  Darstellungen
und  größer  angelegten  Vorlesungen  lange  genug  abgehalten.  Vielleicht
  ist  der  Tiefpunkt  der  Bedeutung  der  Geschichte  für  die  gebildete
  Gesellschaft  schon  überwunden  und  die  unverkennbare  Neigung
der  jüngeren  Historiker,  wieder  stärker  auf  das  nationale  Leben  ceinzuwirken,
  schon  als  der  Anfang  eines  neuen  Aufschwungs  zu  betrachten.


Brandı.

*)  Ordentliche  Professuren  für  mittlere  und  neuere  Kunstgeschichte  waren  vor  einem
Vierteljahrhundert  noch  eine  Seltenheit,  jetzt  aber  sind  sie  etwa  bei  der  Hälfte  der  Universitäten
  vorhanden.  In  Preußen  ist  das  Fach  nur  in  Marburg,  Greifswald  und  Halle
bloß  durch  ein  Kxirsordinariat  vertreten.  In  Munster  vertritt  ein  außerordentlicher
Professor  den  nicht  lesenden  Ordinarius.  ‚Außerhalb  Preußens  bestehen  nur  in  Leipzig
Tübingen  und  Iierdelberg  ordentliche  Professuren.  In  Gießen  liest  der  Professor  der
Archäologie  auch  über  neuere  Kunstgeschichte.  In  Würzburg  ist  diese  gegenwartig  gar  nicht
und  in  Erlangen  ist  sie  nur  durch  einen  Privatdozenten  vertreten.  A.d.R.