X.  Geographie

nebst  Meereskunde  und  Ethnographie.

Einleitung.  Erst  seit  einem  Menschenalter  erfreut  sich  die  Erdkunde  an  den
deutschen  Hochschulen  einer  ausgiebigen  Vertretung.  Während  der  ersien  lHlälfte  des
19.  Jahrhunderts  wirkte  zwar  in  Berlin  ein  Mann,  der  als  Geograph  dieser  Wissenschaft
für  seine  Zeit  den  Stempel  aufzudrücken  verstand,  Carl  Ritter  (1822—1859),  aber  er
hat  keine  eigentliche  Schule  gebildet.  Und  gerade  zur  Zeit  seines  Todes  nahm  die  neuerwachte
  Periode  geographischer  Entdeckungen  das  Interesse  weiter  Kreise  derart  in  Anspruch,
  daß  die  Sorge  für  die  wissenschaftliche  Verarbeitung  der  Ergebnisse  noch  eine
Zeitlang  zurücktmt.  Aber  kaum  waren  einige  Jahrzehnte  verstrichen,  so  drängte  die  Fülle
neuen  Beubachtungsstofles  zu  ihrer  Gestaltung,  und  auch  die  akwlemischen  Kreise  begannen
  —  hier  früher,  dort  später  —  die  Notwendigkeit  einer  selbständigen  Vertretung
für  das  Fach  der  (jeographie  in  ihrer  Mitte  zu  erkennen.  Dennoch  und  trotz  ihres  „chrwürdigen
  Alters“  würde  dieselbe  wohl  noch  länger  um  ihre  Kinreihung  unter  die  älteren
Schwesterdisziplinen  haben  ringen  müwen,  wie  dies  so  manchen  neu  sich  ubzweigenden
Wissenschaften  beschieden  ist,  wenn  nicht  die  unmittelbaren  Folgen  der  neuen  Erschließung
des  Erdballs,  der  Raum  und  Zeit  überwindenden  Erfindungen,  das  Heraustreten  Deutschlands
  aus  den  engen  Fesseln  eines  Kontinentalstaates  und  sein  wachsender  Anteil  am
Welthandel  auch  die  Unterrichtsverwaltungen  einzelner  Staaten,  vor  allem  Preußens  und
Sachsens,  die  Augen  geöffnet  hätte  über  den  schreienden  tiegensatz  der  geographischen
Bildung  unseres  Volkes  und  der  Stellung,  welche  das  Deutschtum  auf  dem  Erdball  allmählich
  gewonnen.  Für  die  Art  und  Weise  des  Betriebes  der  heutigen  geographischen
Unterweisung  an  den  deutschen  Hochschulen  und  die  Ausgestaltung  der  entsprechenden
Einrichtungen  ist  daher  von  besonderer  Bedeutung,  duß  man  geographische  Professuren
zu  Beginn  der  siebenziger  Jahre  wie  auch  später  in  erster  linie  im  Interesse  einer
besseren  Ausbildung  von  geographischen  Fachlehrern  an  höheren  Schulen  errichtete.  Aber
ganz  in  gleicher  Weise  wie  andere  aus  den  nämlichen  Gründen  dem  Universitätßsberrieb
einverleibte  Fächer  hat  auch  die  (ieographie  alsbald  die  Aufgabe  reiner  Wissenschaftspflege
  und  «der  Erziehung  einer  jüngeren  Generation  wissenschaftlicher  Mitarbeiter
fest  ins  Auge  gefaßt.  Und  die  Bestrebungen  der  geographischen  Vertreter,  zu  letzterem
/weck  reichere  Mittel  zu  erhalten,  haben  die  verschiedenen  Universitätsinstitute  aus  kleinen
Anfängen  allmählich  zu  beachtenswerten  wissenschaftlichen  Arbeitsstätten  anwachsen
lawen.  Doch  ist  diese  letztere  Entwicklung  noch  durchaus  im  Fluß.

1.  Der  Lehrkörper  und  die  Zuhörerschaft.  \Was  zunächst
den  L.chrkörper  betrifft,  so  beginnt  die  neue  Phase  der  Pflege  geographischer
  Studien  an  den  deutschen  Hochschulen  mit  der  Errichtung,
einer  eigrenen  Professur  für  Erdkunde  in  Leipzig  i.  J.  1871.  Bald
folgte  Preußen  mit  dem  Entschluß,  solche  an  allen  acht  preußischen
Universitäten  zu  schaffen  (seit  1873),  wenn  auch  zunächst  nicht  überall

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Keich.  1,  15