249  Lehrgebiet  und  l.ehrbetrieb.

Die  allgemeine  Völkerkunde  ward  früher  häufiger  von  einzelnen  Geographen
in  den  Kreis  der  Vorlesungen  gezogen;  jetzt  geschieht  es  nur  noch  an  wenigen  Universitäten.
  Kine  eigentliche  Pflege,  wie  sie  nur  an  der  Iland  eines  ausgedehnten  Beobachtungınaterials
  geübt  werden  kann,  ist  neueren  Datums  und  naturgemäß  auf  den  Sitz  größerer
Sammlungen  beschränkt,  Die  Anregung  zu  einem  Aufschwung  des  Studiums  ging  in
erster  linie  vom  Völkermuseum  in  Berlin,  sodann  von  Leipzig  aus.  Für  uns  kommt
weniger  die  Ausbildung  von  Museunmsbeamten,  als  die  rein  wissenschaftliche  Pflege  in
Betracht.  Diese  dräugte  auch  hier  anf  Errichtung  eigener  Lehrstühle.  In  Berlin
erhielten  1899  nicht  weniger  als  drei  Ethnographen  festen  Lehrauftrag,  denen  sich
bald  nuch  einige  Dozenten  zugeseliten,  wogegen  der  Nestor  deutscher  HYtlnographen,
  Bastian,  allmählich  auf  seine  Lehrtätigkeit  verzichtete.  Ein  besoldetes  Extraordinariat
  für  Ethnographie  ist  ebenso  seit  karzem  in  leipzig  dein  Abteilungsvorstand  aın
Grassi-Muscum  (Städtisches  Museum  für  Völkerkunde)  übertragen  und  ein  ebensolches
in  Freiburg  i.  B.  errichtet.  Hier  steht  das  Museum  für  Urgeschichte  und  Ethnographie
unter  der  Leitung  des  Anatomen  und  Geologen.  Noch  drei  andere  llochschulen  haben
kleine,  zum  Teil  wertvolle  ethnographische  Sammlungen,  ohne  daß  dere  Vorstände  dem
Studium  der  Völkerkunde  durch  Vorlesungen  und  Demonstrationen  unmittelbar  Vorschub
leisteten.  Diejenige  in  Göttingen,  in  ihrem  Grundstock  noch  aus  Blumenbachscher  Zeit
stammend,  steht  unter  Leitung  des  dortigen  Zoolugen.  Das  ethnographische  Museuin  in
Jena  hat  den  Geographen  zum  Vorstand,  dasjenige  in  Kiel  einen  Oberlehrer  am  Gymnasium.
  Die  bedeutenden  Sammlungen  in  Munchen,  Bremen,  Hamburg,  Lübeck  und
anderen  Städten  sind  mit  Lehrinstituten  nicht  verbunden.

Wührend  einzelne  obiger  Dozenten  sich  auf  Vorlesungen  über  allgemeine  Ethnographie
  beschränken,  zielen  andere  die  spezielle  Völkerkunde  eines  bestinnmten  geographisch
  abgegrenzten  Gebietes  vor.  Afrika  und  Özeimien  sind  bis  jetzt  bevorzugt.
Y.iner  der  Berliner  Dozenten  beschränkt  sich  auf  mexikanische  Fragen.  Am  orientalischen
Seminar  der  Berliner  Universität  werden  auch  zuweilen  völkerkundliche  Vorlesungen  gehalten.
  Innerhalb  der  Museen  finden  nach  Art  der  Seminare  ethinographische  Übungen
für  Anfänger  und  für  Fortgeschrittene  statt,  sodaß  sich  das  Bedürfnis  nach  eigenen  Räuınen
und  besonderen  Einrichtungen  daneben  noch  wenig  fühlbar  gemacht  hat,  Den  Museen
kommen  die  Arbeiten  der  vorgeschrittenen  Schüler  unmittelbar  zugute.  Die  Mehrzahl
der  letzteren  sucht  in  die  Laufbahn  des  Museumsbenmten  einzurücken.

Das  Typische  der  einzelnen  ethnographischen  Sanınlungen  hier  zu  schildern  geht
über  den  Rahmen  des  Berichts.

Hermann  Wagner.