Philosophische  Fakultät:  Mathematik,  Physik,  Astronomie.  247

20  des  Weasserstoffatoms).  —  Die  Erklärung  der  Becquerelstrahlen
endlich  spielt  auf  chemisches  Gebiet  hinüber  und  scheint  dort  eine
grundsätzliche  Umgestaltung  der  geltenden  Vorstellungsweise  von  der
Unveränderlichkeit  der  chemischen  Flemente  zu  verlangen.  Aber
eben  deshalb  können  wir  auf  die  wunderbaren  Tatsachen,  welche  im
Anschluß  an  Becquerels  ursprüngliche  Entdeckung  allmählich  bekannt
wurden,  die  Entdeckung  des  Radiums  durch  das  Fhepaar  Curie
(Paris,  1898)  usw.,  hier  nicht  eingehen;  auch  der  Chemiker  könnte
nur  in  vorsichtigster  Form  berichten,  da  jeder  Tag  neue  Überraschungen
bringen  kann.  In  physikalischer  Hinsicht  sind  die  Becquerelstrahlen
offenbar  mit  den  Kathodenstrahlen  enge  verwandt.

Soweit  unser  Bericht  über  die  neuen  Tatsachen  und  die  unmittelbar
durch  sie  begründeten  neuen  Auffassungen.  Wir  fügen  noch  hinzu,  daß
wir  auch  auf  dem  engen  von  uns  berührten  Gebiete  schr  unvollständig
  gewesen  sind.  Wir  haben  z.B.  bei  den  Kathodenstrahlen
die  ausgezeichneten  Arbeiten  von  Goldstein,  von  Hertz  selbst,  von
l.enard  und  anderen  deutschen  Physikern  nicht  genannt,  von  ausländischen
  Autoren,  wie  J.  J.  Thomson  (Cambridge)  usw.  ganz  zu
schweigen.  Wir  haben  die  grundlegenden  Untersuchungen  einer
Reihe  jüngerer  deutscher  Forscher,  die  sich  auf  die  Temperaturstrahlung
  des  sogenannten  schwarzen  Körpers  bezichen,  ebensowenig
erwähnt,  wie  die  anderen,  welche  die  Gesetzmäßigkeiten  der  Spektral-Iinien
  und  ihren  Zusammenhang  mit  dem  Zeeman-Fffekt  betreffen.
Aber  wir  müssen  abbrechen,  um  nun  zunächst  der  Wandlungen  und
Weiterbildungen  zu  gedenken,  welche  die  mathematische  Theorie
der  physikalischen  Erscheinungen  in  dem  von  uns  betrachteten  Zeitraume
  erfahren  hat.

2.  Maxwell  hatte  seine  Untersuchungen  über  die  Ausbreitung
elektromagnetischer  Wirkungen  im  Äther  bekanntlich  ursprünglich  an
konkrete  Vorstellungsweisen  betreffend  die  Konstitution  des  Äthers
angeknüpft,  hat  dann  aber  in  seinem  grundlegenden  Werke  von  1873
alle  besonderen  Ansätze  zurückgeschoben  und  nur  eine  allgemeine
Schilderung  der  in  die  Beobachtung  fallenden  Verhältnisse  durch
geschickt  gewählte  Differentialgzleichungen  gegeben.  Dieses  Verfahren,
welches  man  als  phänomenologisch  zu  bezeichnen  pflegt,  verzichtet
  zugunsten  unmittelbar  erreichbarer  klarer  Resultate  auf  tiefer
gehende,  aber  hypothetische  Spekulationen;  es  ist  cin  eminent
praktisches  und  zugleich  in  mathematischer  Hinsicht  besonders
elegantes  Verfahren.  Die  deutschen  Physiker  haben  zu  Anfang