Philosophische  Fakultät:  Mathematik,  Physik,  Astronomie.  249

durch  unmittelbare  Berührung  auf  einander  wirken.  Die  Mechanik
behält  dabei  ihre  zentrale  Stellung  fan  der  übrigens  auch  Helmholtz
  und  Maxwell  immer  festgchälten  haben*),  aber  es  findet  doch
eine  weitgehende  Umänderung  der  Anschauungsweisen  statt,  indem
das,  was  gemeinhin  potentielle  Energie  genannt  wird,  durch  kinetische
Energie  „verborgener  Bewegungen“  ersetzt  wird.  Hlertz  hat  dieser
Möglichkeit  offenbar  den  größten  erkenntnistheoretischen  Wert  beigelegt;
  er  hat  sie  in  seiner  posthumen  Mechanik  (1894)  in  streng
systematischer  und  formell  vollendeter  Darstellung  zur  Durchführung
gebracht.  Aber  bald  tritt  eine  mehr  radikale  Wendung  hervor.  Man
will  die  Mechanik  nicht  mehr  als  Grundlage  der  Physik  gelten  lassen,
sondern  nur  als  ein  einzelnes  Kapitel  einer  umfassenderen  Doktrin,
der  Energetik.  Die  Energie  wird  wie  cine  Art  Substanz  angeschen,
die  verschiedener  Erscheinungsformen  fähig  ist:  der  mechanischen,
elektrischen,  chemischen  usw.;  die  Physik  hat  davon  Rechenschaft  zu
geben,  nach  welchen  Gesetzen  sich  diese  Erscheinungsformen  gegebenenfalls
  untereinander  umsetzen.  Mechanik  und  Flcktrizitätsichre  werden
solcherweise  nebeneinander  geordnet.  Und  nun  kommt  der  letzte
Schritt,  der  auf  Grund  der  F.lektronenvorstellung  das  frühere  Verhältnis
  gradezu  umkehrt.  Nicht  die  Hlektrizitätsichre  soll
mechanisch,  sondern  die  Mechanik  elektrisch  verstanden
werden.  \Was  wir  gemeinhin  ponderable  Materie  nennen,  wird  als
ein  Aggregat  von  Elektronen  gedeutet,  die  einzeln  nur  elektromagnetische
  Masse  besitzen,  d.  h.  in  einer  bestimmten  Weise  mit  dem
umgebenden  Äther  verkettet  sind.  Die  Grundgesetze  der  alten  Mechanik,
  also  Newtons  „ieres  motus“,  desgleichen  die  allgemeine
Gravitation,  sollen  als  Folge  der  Maxwellschen  Gleichungen  für  geeignet
  aufgebaute  Klektronenaggregate  abgeleitet  werden.

Fassen  wir  zusammen,  so  werden  wir  sagen  können,  daß
unter  dem  Finfluß  der  experimentellen  Fortschritte  auch
die  mathematische  Physik  in  eine  jugendlich  vorwärts
drängende  Periode  eingetreten  ist.  Dies  gilt  nicht  nur  für  die
Flektrizitätsichre,  sondern  für  ziemlich  alle  Teile  des  großen  von  der
Theorie  zu  umfassenden  Gebictes.  Da  ist  zunächst  wenig  Zeit,  die
mathematischen  Formulierungen  konsequent  zu  studieren,  man  ist
zufrieden,  die  Probleme  durch  kühnen  Ansatz  wechselnd  zu  fassen

*),  telmholtz,  der  1893  als  Delegierter  Deutschlands  auf  dem  Chicagoer  physikalischen
  Kongreß  noch  eine  so  große  Rolle  spielte,  ist  bald  hersach  (am  8.  September
1894)  gestorben;  ich  verweise  beiläufg  nuf  die  von  Königsberger  herausgegebene,
jetzi  in  3  Bänden  vollendet  vorliegende,  inhaltreiche  wissenschaftliche  Biographie.