I)  l.ehrgebiet  und  T.ehrbetrieb.

und  die  cine  oder  andere  überraschende  Folgerung  zu  ziehen.  Ein
glänzendes  Beispiel  wird  durch  die  Behandlung  der  Gesctze  der  L.ichtemission
  bis  hin  zu  ihrer  Vereinigung  mit  der  Molcculartheoric  gegeben
  (W.  Wien,  Planck,  MH.  A.  Lorentz).  Fine  gewisse  Analogie
  mit  der  Zeit,  wo  Fresnels  divinatorische  Begabung  die  wesentlichen
  Gesetze  der  Undulationstheorie  des  L.ichtes  erfaßt,  aber  Cauchy
die  exakten  Grundlagen  derselben  noch  nicht  entwickelt  hatte,  scheint
unverkennbar.  Wird  für  die  mathematische  Physik  demnächst  cin
neuer  Cauchy  erstehen,  der  die  in  die  Halme  geschossene  Frucht  in
die  sicheren  Gewahrsame  folgerechter  mathematischer  Überlegung
cinsammelt?

3.  Wir  haben  nun  noch  der  nicht  minder  bemerkenswerten
Entwicklung  zu  gedenken,  welche  der  Physik  während  unserer
Berichtsperiode  in  praktischer  Tinsicht  zuteil  geworden  ist.  Unter
allgemeinen  Gesichtspunkten  interessant  ist  bereits,  daß  die  physikalische
  Forschung  einen  schr  viel  mehr  internationalen  Charakter
erhalten  hat,  als  sic  früher  besaß;  es  tritt  dies  in  unserem  bisherigen
Berichte  ohnchin  deutlich  hervor  und  braucht  also  hier  nicht  besonders
ausgeführt  zu  werden.  Wir  müssen  aber  mit  einigen  Worten  der
besonderen  Entwicklung  gedenken,  welche  die  Beziehung  der
Physik  zur  Technik  gewonnen  hat.

Diese  Beziehung  zur  Technik  ist  allgemein  erkennbar  hervorgetreten,
  als  vor  nun  etwa  20  Jahren  die  Elektrotechnik  ihren
Siegreslauf  begann.  Die  Beziehung  ist  dort  in  der  Tat  einc  besonders
enge,  ohne  weiteres  verständliche.  Aber  schon  lange  vorher
hatten  hervorragende  Ingenicure  erkannt,  daß  alle  anderen  Zweige
der  ausführenden  Technik,  insbesondere  des  Maschinenbaues,  ebenso
physikalische  Probleme  einschließen,  wie  die  Konstruktion  der  Dynamomaschinen
  oder  die  Verlegung  clektrischer  Kabel,  —  daß  es,  ebenso
wie  cs  eine  technische  Chemie  gibt,  eine  technische  Physik  geben
müsse.  An  der  technischen  Hochschule  zu  München  hat  dann  dieser
Gedanke  durch  Bauschinger  und  Linde  bereits  im  Taufe  der
0er  Jahre  zur  Einrichtung  besonderer  Versuchsanstalten  für  Festigkeitsicehre
  und  Thermodynamik  geführt.  Praxis  und  Theorie  werden
durch  derartige  Einrichtungen  gleichzeitig  gefördert,  letztere  darum,
weil  die  Verschiedenheit  der  äußeren  Abmessungen  und  der  Nebenbedingungen
  Erscheinungen  hervortreten  läßt,  welche  dem  gewöhnlichen
  I.aboratoriunisversuche  fremd  sind.  Ein  vortreffliches  Beispiel
für  die  L.eeistungsfähigkeit  der  technischen  Physik  nach  beiden  Seiten
hin  gibt  der  ausgezeichnete  Luftverflüssigungsapparat,  mit  welchemLinde