XUDI.  Physikalische  Chemie.

Bei  der  großen  Ähnlichkeit  der  Methoden  und  der  nahen  Verwandtschaft
  der  Ziele  von  Physik  und  Chemie  kann  eine  strenge
Scheidung  zwischen  diesen  Wissenschaften  weder  im  Unterricht  noch
in  der  Forschung  auf  die  Dauer  ohne  Schädigung  der  Fortentwicklung:
beider  Disziplinen  aufrecht  erhalten  werden.

Es  ist  auch  noch  nicht  lange  her,  daß  eine  Beherrschung  sowohl
  der  Hilfsmittel  der  Physik  wie  der  der  Chemie  sich  in  einer
Persönlichkeit  vereinigt  fanden.  So  erweckt  der  große  Name  Bunsens
die  Erinnerung  an  zahlreiche  Erfolge,  die  der  Meister  nur  durch  eine
derartige  Sicherheit  der  beiderseitigen  Forschungsmethoden  erreichen
«konnte,  daß  die  Physiker  wie  die  Chemiker  ihn  fast  mit  gleichem
Rechte  zu  den  ihrigen  zählen.

In  der  Regel  aber  bestand,  besonders  seit  der  zweiten  Hälfte
des  vergangenen  Jahrhunderts,  eine  ziemlich  strenge  Arbeitsteilung
zwischen  Physik  und  Chemie;  in  Deutschland  beschäftigte  sich  zu
dieser  Zeit  die  Physik  bekanntlich  besonders  eifrig  mit  der  Ausbildung
  der  Elektrizitätsiehre,  während  die  Chemiker  in  der  aufblühenden
  organischen  Chemie  ein  reiches  und  ergiebiges  Feld  ihrer
Tätigkeit  fanden.  So  kam  es  denn,  daß  ein  großes  Grenzgebiet
zwischen  beiden  Disziplinen  längere  Zeit  so  gut  wie  völlig  brach
liegen  blieb.  "

Eine  wesentliche  Änderung  trat  wohl  erst  einerseits  infolge  der
“Arbeiten  des  norwegischen  Mathematikers  Guldberg  ein,  der,  in  experimenteller
  Hinsicht  von  Waage  unterstützt,  das  Gesetz  der  chemischen
  Massenwirkung  entwickelte,  das  gegenwärtig  eine  der  Hauptstützen
  des  I.chrgebäudes  der  theoretischen  Chemie  bildet.  Auf  der
andern  Seite  wandten  Willard  Gibbs  in  Nord-Amerika  und  Horstmann
in  Deutschland  mit  großen  Erfolge  die  von  der  Physik  erbrachten
Prinzipien  der  Wärmetheorie  auf  die  Chemie  an  und  schufen  so
das  zur  Zeit  so  eifrig  kultivierte  Gebiet  der  chemischen  Thermodynamik.
