272  Lehrgebiet  und  I.chrbetrieb.

Zumal  in  Deutschland  zogen  die  erwähnten  Arbeiten,  die  etwa
in  dem  Zeitraume  1860  bis  1880  entstanden,  die  Aufmerksamkeit  in
hohem  Maße  auf  sich,  besonders  seitdem  van  t’Hoff,  hauptsächlich  in
Anlehnung  an  die  Arbeiten  des  französischen  Chemikers  Raoult,  die
Theorie  der  Lösungen  entwickelte,  und  Arrhenms  in  Anlehnung  an
die  Ideen  und  Versuche  von  Clausius  und  F.  Kohlrausch  die  Hypothese
der  celektrolytischen  Dissoziation  aufstellte.  Mitte  und  Ende  der  80  er
Jahre  gab  Ostwald  sein  berühmtes  umfassendes  Lehrbuch  der  theoretischen
  Chemie  heraus  und  begründete  die  Zeitschrift  für  physikalische
  Chemie,  die  seitdem  in  selten  glücklicher  Weise  den  Sammelpunkt
  für  die  zur  Zeit  so  überaus  zahlreichen  Arbeiten  auf  diesem
Gebiete  bildet.

Es  erwies  sich  nun  bei  der  rasch  wachsenden  Bedeutung  der
physikalischen  Chemie  als  durchaus  nötig,  eigene  Pflanzstätten  der
Forschung  und  des  Unterrichts  für  dies  neu  aufblühende  Gebiet  zu
schaffen.  Man  kann  wohl  sagen,  daß  Deutschland  hier  allen  anderen
Nationen  vorangegangen  ist.  Das  von  L.andolt  in  Berlin  geleitete
chemische  Iaboratorium,  obwohl  ursprünglich  keineswegs  ausschließlich
  dafür  bestimmt,  wandte  sich,  wie  bei  dem  großen  Interesse,  das
landolt  bereits  in  früheren  Jahren  für  Probleme  der  physikalischen
Chemie  gezeigt  hatte,  leicht  erklärlich,  nunmehr  immer  lebhafter
Fragen  der  theoretischen  Chemie  zu.  \on  großer  Bedeutung  ferner
war  die  Berufung  Ostwalds  im  Jahre  1887  von  Riga  nach  l.cipzig,
woselbst  der  genannte  Forscher  bekanntlich  scit  dieser  Zeit  cine
blühende  Lehr-  und  Forschungsstätte  der  physikalischen  Chemie  leitet.
Schließlich  wäre  die  Berufung  van  t’Hoffs  nach  Berlin  zu  nennen
sowie  die  Begründung  eigener  Institute  für  physikalische  Chemie  in
Gießen,  Göttingen  und  Freiburg  i.  BB  An  cinigen  anderen  Universitäten
  (Breslau,  Bonn,  lleidelberg,  Kiel,  Marburg)  besitzen  die
chemischen  Laboratorien  wenigstens  besondere  Abteilungen,  in  denen,
in  der  Regel  unter  einem  Extraordinarius,  physikalische  Chemie
getrieben  wird.

Alsbald  erwies  sich  nun  wiederum  ein  spezielles  Gebiet  der  physikalischen
  Chemie,  nämlich  die  Klektrochemie,  besonders  wichtig.
Die  Wirkung  des  galvanischen  Stromes,  chemische  Bindungen  zu
lösen  und  neue  Stoffe  entstehen  zu  lassen,  hat  schon  früh  das  größte
Interesse  erregt,  welches  sich  noch  durch  die  Erkenntnis  steigerte,
dats  die  chemischen  Kräfte  sicherlich  wenigstens  zum  Teil  elektrischer
Natur  sind.  Seitdem  der  Elektrotechnik  in  den  Dynamomaschinen
die  Ilerstellung  mächtiger  Stromquellen  gelungen  ist,  zögerte  die