Philosophische  Fakultat:  Botanik  und  Zoologie.  281

schritten  der  Wissenschaft  und  den  jeweilige  in  ihr  herrschenden
Gesichtspunkten  anzupassen  haben.

Die  Botaniker  und  Zoologen  der  Periode  Linncs  und  ihre  Nachfolger
  standen  bis  etwa  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  so  schr
unter  dem  Eindrucke  der  cinen,  wichtigen  Seite  des  biologischen
Problems,  der  Mannigfaltigkeit  und  Vielgestaltigkeit  der
Organismen,  daß  ihre  Vertreter  auf  den  L.chrstüblen  der  Universitäten
  sich  fast  ausschließlich  mit  der  Beschreibung  und  Klassifikation
  der  Pflanzen  und  Tiere  beschäftigten  und  in  diesem  Sinne  auch
den  botanischen  und  zoologischen  Unterricht  handhabten,  wobei  sie
als  Lehrmittel  lediglich  Sammlungen  konservierter  Tiere  und  Tierbälge,
  sowie  getrockneter  Pflanzen  anstrebten;  allerdings  verfügten
die  Botaniker  daneben  in  den  wertvollen  botanischen  Gärten,  die
ursprünglich  zur  Kultur  von  Arzneipflanzen  angelegt  waren,  über  ein
reiches  Material  zum  Studium  lebender  Pflanzen  und  zu  ihrer  Deımonstrationen
  in  den  Vorlesungen.

Schon  im  Geiste  Linnes  hatte  sich  eine  Unterströmung  gezeigt,
die  ihn  das  Wort  sprechen  ließ:  plantam  non  plantas  cogwnoscere!
das  Wesen  der  Pflanze  zu  erforschen,  sei  Ideal  der  Wissenschaft.
Die  Wiederbelebung  der  Anatomie  und  Physiologie  der  Pflanzen  in
der  ersten  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  brachte  indes  zunächst
  nur  wenige  Anhänger  dieser  Richtung  auf  die  L.chrstühle  der
Universitäten,  und  auch  in  der  Zoologie  blieben  die  Systematiker
überwiegend.  Da  trat  während  der  zweiten  Hälfte  des  Jahrhunderts
ein  völliger  Umschwung  ein.  In  der  Botanik  eroberten  jüngere
Forscher,  die  der  anatomisch-physiologischen  Richtung  angehörten,
wegen  des  steigenden  Interesses,  das  man  ihren  Arbeiten  seitens  der
Studierenden,  der  Fakultäten  und  der  Ministerien  entgegenbrachte,
einen  l.chrstuhl  nach  dem  andern.  An  Universitäten  mit  nur  einer
botanischen  Professur  bekleidete  diese  höchst  selten  noch  ein
Systematiker,  sodaß  die  Vertreter  dieser  Richtung  sich  im  wesentlichen
  beschränkt  sahen  auf  Universitäten,  an  denen  ein  zweites
Ordinariat  für  Botanik  besteht,  oder  auf  außerordentliche  Professuren.

Dadurch,  daß  dıe  Hauptvorlesungen  über  Botanik  fortan  Männern
der  anatomisch-physiologischen  Richtung  zuficlen,  daß  diese  ihren
Einfluß  in  den  Staatsprüfungen  und  dem  Doktorexamen  geltend
machten,  daß  der  Nachwuchs,  d.  h.  diejenigen  Studierenden,  die  sich
als  Spezialisten  der  Botanik  widmeten,  ganz  vorwiegend  sich  angezogen
fühlte  von  den  anatomisch-physiologischen  Problemen,  wurde  im  Universitäts-Unterricht
  die  Systematik  immer  mehr  in  den  Hintergrund