2382  l.ehrgebiet  und  T.ehrbetrieb.

gedrängt.  Durch  bereitwilliges  Eingehen  der  Regierungen  auf  die
Anträge  der  Professoren  entstand  an  den  Universitäten  ein  pflanzenphysiologisches
  l.aboratorium  nach  dem  andern,  die  dann  meist  den
Namen  botanisches  Institut  erhielten.  In  diesen  Instituten  ist  viel  gearbeitet
  und  viel  geleistet  worden,  und  ihre  Begründung  begünstigte
allerorten  bedeutsame  wissenschaftliche  Fortschritte.

Doch  bei  der  Neigung  des  Menschen  zum  Radikalismus  trat
bald  cine  Kehrseite  dieses  in  ganzen  heilsamen  Umschwungs  hervor.
Die  systematische  Seite  der  Wissenschaft  wurde  an  manchen  Universitäten
  über  Gebühr  vernachlässigt.  Mit  Geringschätzung  wurde  von
ihr  und  von  den  Systematikern  gesprochen.  Is  gab  Professoren,  die
außer  stande  waren,  ihren  Schülern  auf  Exkursionen  die  Namen  verbreiteter
  wildwachsender  Pflanzen  zu  nennen.  Dice  Studierenden
merkten  sich  dies  schnell  und  hielten  Kenntnisse  auf  dem  Grebicte
der  einheimischen  Flora  bald  für  etwas  Überflüssiges.  Seitens  der
Institutsdirektoren  wurden  die  früher  allein  geschätzten  Sammlungen
vernachlässigt  und  selbst  die  so  wertvollen  botanischen  Gärten  nicht
nach  Gebühr  gewürdigt.

So  erklärlich  es  war,  daß  cine  früher  unterdrückte,  dann  zum
Siege  gelangte  wissenschaftliche  Richtung  im  Besitz  der  Macht  sich
ihrer  Erfolge  freute,  sie  z.  T.  überschätzte,  so  konnte  ein  solcher  Zustand
  doch  wegen  seiner  Fehlerhaftigkeit  nicht  von  Bestand  sein.
Fine  Gegenbewegung  blieb  nicht  aus.  Eine  Reihe  jüngerer  Kräfte  in
der  Botanik  erkannte,  daß  man  sich  auf  dem  Wege  zu  ähnlicher
Finseitigkeit  der  Wissenschaft  befand,  wie  früher  unter  der  Herrschaft
der  alten  Systematik.  Es  fand  eine  Neubelebung  der  Systematik
statt,  die  wesentlich  durch  die  Gesichtspunkte  der  Abstammungslehre
gefördert  wurde.  Die  Systematiker  erkannten  zudem,  daß  die  Einführung
  anatomisch-entwicklungsgeschichtlicher  Methoden  nicht  bloß
für  die  Bearbeitung  der  niederen,  sondern  auch  für  die  der  höheren
Pflanzen  unentbehrlich  war,  so  daß  hierdurch  eine  Annäherung  beider
Richtungen  befördert  wurde,  die  schließlich  zu  einem  gesunderen
Gleichgewichtszustand  zwischen  ihnen  führte.  Auch  mußten  Physiologgen,
  die  den  neueren  systematischen  Arbeiten  ihre  Aufmerksamkeit
schenkten,  einräumen,  dafß  in  diesen  nicht  weniger  wissenschaftlicher
Scharfsinn  zu  finden  war,  als  in  den  eigenen.  Ja,  es  konnte  manche
physiologische  Arbeit,  die  im  wesentlichen  nur  auf  einer  Anwendung  bekannter
  chemischer  und  physikalischer  Methoden  auf  Pflanzen  bestand,
in  dem  darin  aufgewandten  geistigen  Arbeitswert  mit  vergleichendmorphologischen
  und  systematischen  Arbeiten  sich  nicht  messen.  —