Philosophische  Fakultät:  Botanik  und  Zoologie.  285

wirklicht.  In  der  Periode,  als  die  offizielle  Universitätsbotanık  in  den
ITänden  ausschließlicher  Systematiker  lag,  waren  jene  Ziele  naturgemäß
systematische.  Indem  dann  der  oben  erwähnte  Umschwung_  eintrat
und  die  physiologische  Richtung  die  Oberhand  gewann,  verstieg  sich
die  Überhebung  der  Sieger  in  ihrer  Geringschätzung  der  Mannigfaltigkeit
  der  Pflanzenformen  sogar  hier  und  da  zu  der  Behauptung,
die  botanischen  Gärten  wären  überflüssig  geworden,  der  Staat  könne
das  Geld  dafür  sparen.  Da  solche  Behauptungen  von  (allerdings  nur
vereinzelten)  Fachmännern  ausgingen,  ist  es  kein  Wunder,  dafs  sie
selbst  in  den  Parlamenten  ein  Echo  fanden.  Um  so  rühmender  ist
es  anzuerkennen,  daß  die  Staatsbehörden  klarblickend  genug  waren,
sich  durch  dergleichen  Gerede  in  ihrer  stets  bewiesenen  Schätzung
der  botanischen  Gärten  nicht  irre  machen  zu  lassen,  und  kein  Staatsmann
  in  Deutschland  hat  die  land  geboten  zu  der  Barbarei,  einen
botanischen  Garten  zu  zerstören;  im  Gegenteil,  im  Anfang  der  siebziger
  Jahre  wurde  mit  Aufwendung  bedeutender  Staatsmittel  in  Kiel
das  Terrain  für  einen  neuen  botanischen  Garten  erworben.  Und  wie
haben  sich  die  wissenschaftlichen  Anschauungen  seit  jener  Periode  der
anatomisch-physiologischen  Einseitigkeit  in  der  Botanik  gewandelt!
IHeute  dürfte  es  keinen  Botaniker  mehr  geben,  der  in  den  botanischen
Gärten  nicht  die  allerwertvollsten  Kleinode  der  Wissenschaft  erblickte.
Man  hat  wieder  Sinn  für  die  Wunder  der  Mannigfaltigkeit  der  Pflanzen
  gewonnen;  man  verwertet  aber  die  botanischen  Gärten  nicht  mehr
bloß  als  Sammlungen  im  Interesse  der  Systematik,  sondern  vor  allem
als  Sammlungen  der  Pflanzenökologie,  der  so  schr  in  den  Vordergrund
getretenen  Studien  über  Lebensweise  und  Anpassung  der  Pflanzen  an
Klima,  Standort  usw.  Wie  wertvoll  ist  es  nicht,  in  den  Warmhäusern
den  Studierenden  einen  wenn  auch  noch  so  bescheidenen  Ausschnitt
tropischer  Vegetation  vor  Augen  führen  zu  können.  Wie  instruktiv
sind  die  in  jedem  botanischen  Garten  vorhandenen  Sanımlungen  von
Neuholländern,  von  Sukkulenten,  von  Insektivoren,  um  das  Verständnis
des  Zusammenhangs  zwischen  Gestalt  und  Funktion  der  Pflanzen  zu
zeigen,  Beispiele,  die  sich  leicht  durch  viele  andere  vermehren  ließen.
Aber  damit  ist  die  Bedeutung  der  Gärten  nicht  erschöpft.  Wir  ziehen
in  ihnen  außerdem  reichhaltiges  Material  für  vergleichend-anatomische,
entwicklungsgeschichtliche,  physiologische,  selbst  für  pflanzenchemische
Studien;  ganz  abgesehen  davon,  daß  sie  das  Material  liefern,  um  die
Vorlesungen  durch  frische  Pflanzen  zu  beleben,  die  wir  den  Studierenden
  in  die  Hand  geben,  und  die  gar  zu  viel  mehr  für  die  Anschauung
  leisten,  als  konservierte  Exemplare  oder  Abbildungen,  die