380  Die  einzelnen  Universitäten.

Das  schwedische  Szepter  waltete  milde  über  dem  deutschen  Lande.  Den  Ständen  wurde
weitgehendste  Selbstverwaltung  belassen,  die  Universität  erfrente  »ich  vieler  Begünstigungen
des  neuen  Ilerrscherhauses.  Ihre  Frequenz  stieg  wieder  recht  erfreulich,  insbesondere
dank  der  Immatrikulation  zahlreicher  Skandinavier.  Schon  das  dem  Friedensschluß  vorausgegangene
  Jahr  hatte  213  Immatrikulationen  gebracht.

Die  „.\kademie*  darf  sich,  abgesehen  von  ihrer  Bedeutung  als  Lehranstalt,  naclı
zwei  Richtungen  hin  hervorragender  Verdienste  aus  der  Zeit  der  schwedischen  Nerrschaft
rühmen:  Vor  allem  der  treuen  Plege  deutschen  Nationalbewußtseins,  eifriger  Nlochhaltung
deutscher  Sprache  und  Art,  emsiger  Erforschung  der  pommerschen  Geschichte.  Ex  ist
das  der  Geist,  der  uns  entgegenweht  ans  den  Werken  eines  der  Besten  unseres  Volke-,
der  Greifswald  seine  Ausbildung  großenteils  zu  danken  hatte  und  ihm  die  ersten  10  Jahre
seiner  Lehrtätigkeit  gewidmet  hat:  Ernst  Moritz  Arndt.

Die  andere  Richtung,  in  der  in  Greifswald  mit  bestem  Erfolge  gewirkt  worden  ist,
war  der  eifnge  Austausch  deutscher  und  nordischer  Geistesarbeit,  die  Vermittlang  der
gelehrten  Forschung  beider  germanischen  Völker.

Aber  dennoch  krankte  die  Hochschule.  War  schon  an  sich  die  politische  Trennung
für  den  Besuch  aus  dem  Reiche  ungünstig  genug,  so  wußten  die  Nachbarstaaten  das
Studium  in  Greifswald  auch  noch  direkt  zu  verwehren,  wohingegen  die  vorpommer«che
Jugend  mit  begreiflicher  Vorliebe  Reichswiversitäten  aufsuchte.  Hinzu  kam,  das
Schwedisch-Pommermn  sich  nicht  wie  andere  deutsche  länder  in  längerer  Friedenszen  von
seinen  Wunden  erholen  durfte,  sondern  daß  auf  pummerschem  Boden  die  furchtbar  schweren
Kriege  zum  großen  Teil  geführt  werden  mußten,  in  welche  Schweden  bis  ins  letzte  Drittel
18.  Jahrhunderts  verwickelt  worden  ist.

Fin  Glück  war  es,  daß  das  reiche  Patrinonmum  der  Universität  aller  Kricyesverheerungen
  und  jahrelanger  Einnahmeaunsfalle  ungeachtet  mit  der  Zeit  steigende  Erirage
abwarf.  Denn  fiir  die  Stockholmer  Regierung  war  Greifswald  trotz  allen  Wohlwollens
der  schwedischen  Könige  doch  nur  die  eutlegene  Akademie  der  meerfernen  Provinz,  und
die  ponmmerschen  Stände  heßen  es  erst  recht  an  jedem  Interesse  für  die  Hoch-chule  fehlen.
Bie  Einnahmesteigerung  freilich  erfolgte  auf  Kosten  des  Bauernstandes;  in  Schwedisch-Pommern
  trat  so  gut  wie  keine  staatliche  Maßnahme  dem  Legen  der  Bauern  amd  damit
der  Ausbildung  der  unglückseligen  Bodenverteilung  entgegen,  unter  der  Land,  Stadt  und
Universität  heute  gleich  schwer  zu  senlzen  haben.

Im  ersten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  sollte  der  Universttät  sogar  der  Verlust
der  sicheren  Stütze  nicht  erspart  bleiben.

Mitten  im  verderbenbringenden  Getümmel  der  Franzosenkriege  erklärte  zum  großen
Schrecken  des  akademischen  Konzils  ein  Dekret  vom  17.  Dezember  1809  den  Universitätsgrundbesitz
  für  französisches  Krongut  und  ubertrug  seine  Verwaltung  der  Intendantur  ım
Stralsund.  Vier  der  wichtigsten  Güter  erhielten  Generüle  zum  Geschenk.  Und  noch  bedenklicher
  war,  daß  die  Regierung  in  Stockholm  bald  dimach  »ugar  die  völlige  Aufhebung
der  Universität  aufs  ernstlichste  zu  erwägen  begann.

Der  Besuch  war  seit  Jahrzehnten  ein  wenig  befriedigender  gewesen,  die  Leistungs»
fähigkeit  hatte  durch  Abzahlungen  an  dem  in  den  Kriegen  immer  auf  nene  wieder
sontrahierten  Schulden  seit  langem  schwer  gelitten.  Mit  dem  Neubau  des  Universitätskebäudes
  1747—1750  war  die  Universität  bedenklich  über  ihre  Krüfte  gegangen,  ohne
daß  das  schöne  Gebiude  die  erwartete  Anziehungskraft  ausgeübt  hätte,  Es  mangelte  an
den  notwendigsten  Mitteln  für  zeitgemäße  Erhaltung  und  Erweiterung  der  Institute  und
Sammhingen.  Hbenso  wenig  war  für  die  Bewinnung  tüchtiger  auswärtiger  l.chrkrälte
genügende  Sorge  getragen.

Im  Jahre  1813  waren  infolge  des  Krieges  allein  unter  den  15  ordentlichen
Professuren  6  unbesctzt.

Nach  dem  Abzuge  der  Franzosen  1813  trat  die  Universität  wiederum  in  ihr
unvermindertes,  von  den  Kriegen  freilich  hart  mitgenommenes  Kigentum  ein.