Die  Königl.  Preußische  Friedrichs-Universität  Tlalle-Wittenberg.  3973

Eine  eigenartige  Stellung  nahnı  die  neue  Universität  von  vornherein
  durch  die  Aufgaben  cin,  die  ihr  gestellt  wurden  und  durch  dic
Männer,  die  zur  Verfolgung  derselben  berufen  wurden.  Es  sollte  den
in  Preußen  bestehenden  reformierten  Universitäten  und  den  Pflegestätten
  altlutherischen  Pietismus  in  den  sächsischen  Landen  Wittenberg
  und  Leipzig,  in  Halle  cine  Stätte  des  gesunden,  mehr  freisinnigen
Luthertums  und  des  feineren  Humanismus  gegenübergestellt  werden.
In  der  gleichen  Weise  sollte  gegenüber  dem  bisherigen  Scholasmus
strengere  Wissenschaftlichkeit  zur  Geltung  kommen  und  hierzu  cine
freiere  Lehrmethode  Eingang  finden,  durch  welche  mit  Recht  von
Paulsen  Halle  als  die  erste  moderne  Universität  bezeichnet  worden
ist.  Mit  großer  Umsicht  wurden  hierfür  die  für  Halle  berufenen
Männer  ausgewählt  und  mit  verhältnismäßig  großen  Opfern  gewonnen.
Vor  allem  waren  es  der  bereits  erwähnte  Thomasius  und  der  hervorragende
  Wittenberger  Jurist  Stryck,  welche  die  Stützen  der  neuen
juristischen  Fakultät  wurden,  daneben  die  hervorragenden  Theologen
Breithaupt  und  Franke,  welche  der  theologischen  Fakultät  das  mehr
freisinnige  Gepräge  verlichen  und  damit  sofort  den  Anlaß  zu  der  heftigsten
  Opposition  der  Pietisten  des  In-  und  Auslandes  gaben.  Thomasius
  hatte  schon  in  Leipzig  den  damals  unerhörten  Schritt  begonnen,
  Vorlesungen  in  deutscher  Sprache  offiziell  anzukündigen
und  zu  halten,  und  setzte  dieses  mit  wachsendem  Erfolge  und  allmählich
  immer  weiterer  Nachahmung  in  Halle  fort,  sodaß  hier  zuerst
unter  dem  Beifall  und  Ermunterung  durch  die  preußischen  Fürsten
die  heimische  Sprache  als  Idiom  der  Wissenschaft  akzeptiert  wurde.

Neben  den  beiden  genannten  Fakultäten  wurden  auch  sofort  die
medizinische  und  philosophische  Fakultät  konstituiert,  wie  das  in
Deutschland  bereits  damals  allgemeiner  Usus  war  und  sich  bis  zur
Gegenwart  erhalten  hat.  So  trat  sofort  eine  wohlarrondierte  und  den
damaligen  Verhältnissen  entsprechend  ausgestattete  Universität  ins
leben,  der  von  Anfang  an  ein  ausschließlich  evangelischer  Charakter  beigelegt
  wurde,  wie  er  ihr  bis  zur  Gegenwart  in  Deutschland  erhalten
geblieben  ist.

Wohl  hat  auch  die  medizinische  Fakultät  bald  nach  der  Gründung
  hervorragende  Männer  wie  Stahl  und  Hoffmann  aufzuweisen,
eine  allgemeinere  Bedeutung  für  die  Wissenschaft  hat  sie  aber
doch  erst  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  durch  Reil  und  Krukenberg
  und  in  der  neuesten  Zeit  durch  Richard  v.  Volkmann  erlangt.

In  der  philosophischen  Fakultät  wurde  dagegen  durch  die
Berufung  von  Christian  Wolff  1706,  als  Professor  der  Mathematik