Die  Königl.  Preußische  Friedriels-Universität  Halle-Wittenberg.  395

nommen,  so  trat  sic  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  nochmals
in  den  Vordergrund  durch  die  Entwicklung  des  Rationalismus,  der
dann  verschiedene  Wandlungen  durchgemacht  hat.  Fine  wesentliche
Bedeutung  nach  dieser  Richtung  hatte  der  Theologe  Semmler,  der
1757  die  Leitung  des  theologischen  Seminars  übernahm.  Sein  Finfluß
  ging  weit  über  Halle  hinaus,  er  gründete  sich  auf  seiner  umfassenden
  Gelehrsamkeit,  die  er  mit  gewandter  Feder  in  ciner  großen
Zahl  gelehrter  Werke  wie  in  Streitschriften  verwertetc.

Die  Blütezeit  der  theologischen  Fakultät  in  Halle  fällt  aber  in
die  Zeit  von  1820—40,  wo  Männer  wie  Wegscheider  seit  1810,
Gesenius  etwas  später,  und  Tholuck  seit  1825  ihre  Kräfte  vereinigten,
  und  über  800  Theologen  an  die  Universität  heranzogen,
die  hier  auch  in  der  neueren  Zeit  nie  wieder  gezählt  wurden.
Mit  den  ersten  beiden  Männern  kam  ein  an  die  formale  Verstandestätigrkeit
  gebundener  Rationalismus  auf.  Dem  sollte  Tholuck  nun  eine
größere  Vertiefung  geben,  und  obgleich  er  zunächst  auf  großen
Widerstand  stieß,  ist  ihm  diese  Aufgabe  gelungen.  Durch  seine  große
Beredsamkeit  —  er  war  ciner  der  ersten,  der  im  freien  Vortrage  auftrat
  —,  sein  pädagogisches  Geschick  und  durch  die  große  Wärme,
mit  der  er  den  Studenten  entgegenkam,  erlangte  er  cinen  Einfluß
auf  seine  Schüler,  der  nur  wenigen  Lehrern  vergönnt  ist.  Seit  jener
Zeit  hat  die  theologische  Fakultät  in  Halle  dauernd  die  erste  Rolle
an  der  Universität  und  lange  in  Deutschland  überhaupt  gespielt.

In  der  philosophischen  Fakultät  hat  einen  internationalen  Ruf
besonders  Eduard  Erdmann,  als  l.chrer  der  Philosophie  schabt,
der  1836  hier  seine  Tätigkeit  übernahm  und  sie  erst  kurz  vor  seinen
Tode  1896  beschloß.

In  dem  Jahre  1817  wurde  die  schr  zurückgegangene  Universität
Wittenberg,  die  sich  allein  nicht  mehr  halten  konnte,  mit  der  Halleschen
  vereinigt,  die  scitdem  beide  Namen  verbunden  führt.

Fine  neue  Phase  der  Entwicklung  brach  für  die  Universität  durch
die  Einrichtung  eigener  medizinischer  Kliniken  Ende  des  18.  Jahrhunderts
  an,  für  welche  der  Kanzler  von  Hofmann  die  nötigen  erheblichen
  Gelder  zu  beschaffen  wußste.  Nachdem  damit  der  Staat  cs
als  seine  Aufgabe  anerkannt  hatte,  für  eigene  wissenschaftliche  Institute
zu  sorgen,  ging  er  darin  Schritt  für  Schritt  auch  für  die  andern  naturwissenschaftlichen
  Disziplinen  vor.  Finen  botanischen  Garten  hatte
man  allerdings  schon  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  einzurichten  begonnen.
  Wissenschaftliche  Bedeutung  erlangte  er  aber  erst  weit  später.
Ein  cigenes  physikalisches  Institut  wurde  1823  geschaffen,  ein  größeres