Die  Königl.  Preußische  Friedrichs-Universität  Halle-Wittenberg.  397

Nach  obigen  Angaben  ist  in  der  ersten  Maälfte  des  18.  Jahrhunderts  Malle
unter  allen  deutschen  Universitäten,  mit  Ausnahme  Jenas,  am  stärksten  besucht  gewesen,
erst  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  wurde  Halle  von  leipzig  überflügelt,  während  Jena
hinter  ihr  zurückblieb.

Ursprünglich  überwog  unbedingt  die  juristische  Fakultät,  welche  in  den  ersten
30  Jahren  allein  54%,  aller  inskribierten  Studierenden  für  sich  in  Anspruch  nahm;
weitere  40",  waren  Theologen.  In  dem  zweiten  Viertel  des  Jahrhunderts  kehrte  sich
aber  das  Verhältnis  um,  und  die  Universität  begann  den  Charakter  einer  überwiegend
theulogischen  Universität  anzunehmen,  den  sie  sich  bis  in  das  letzte  Dezennium  erhalten
hat.  In  dem  ganzen  18.  Jahrhundert  blieben  die  anderen  beiden  Fakultäten  völlig  zurück  ;
die  Mediziner  haben  während  desselben  die  Zahl  von  50  bis  60  nur  ausnahmsweise  überscehritten.
  Eigentliche  Studierende  der  philosophischen  Fakultät,  d.  h.  solche,  welche  ihr
Studium  ausschließlich  auf  die  darın  vertretenen  Fücher  beschrünkten,  gab  es  bis  Anfang
des  19.  Jahrhunderts  nur  ganz  vereinzelt.  Selbst  von  1810—13  finden  sich  bei  immerhin
300  Studenten  nur  6  Philosophen:  bis  in  die  fünfziger  Jahre  hinein  schwanken  sie
zwischen  50  und  70  und  blieben  unter  10%/,  der  Gesamtheit,  während  sie  schon  in  den
siebziger  Jahren  400%/,,  exklusive  der  inzwischen  hinzugetretenen  Landwirte,  ausmachten.

Die  Zahl  der  Hospitanten  schwankte  in  den  letzten  Jahren  zwischen  130  und  230.
Darunter  waren  einige  weibliche  Zuhörer.

3.  Lehrbetrieb  und  Lehrkraft.

Einen  tieferen  Einblick  in  die  Bedeutung  der  Universmät  und  die  Phasen  ihrer
Entwicklung  als  die  bisherige  Untersuchung  der  Frequenzverbältnisse  werden  die  folgenden
  Betrachtungen  gewähren:

Wie  schr  man  bei  der  Gründung  der  Universität  noch  das  püdagogische  Moment
im  Auge  hatte,  geht  «daraus  hervor,  daß  noch  im  Jahre  1730  in  Halle  in  einem  Reglement
den  Professoren  anbefohlen  wurde,  daß  sie,  soweit  es  anginge,  «die  Studenten  speisen  und
logieren  sollten,  um  sie  auf  diese  Weise  unter  ihrer  Obhut  zu  behalten.  Indessen  wird
sehr  bald  darüber  geklagt,  daß  die  Studenten  es  vorzichen,  selbständig  zu  wohnen  und
bei  den  Traiteurs  sich  nach  Belieben  zu  beköstigen.  Aus  den  Akten  ergibt  sich,  daß
noch  im  Beginne  des  18.  Jahrhunderts  einzelne  Professoren  zehn  bis  siebzehn  und  mehr
Studenten  bei  sich  in  Pension  hatten,  wovon  Mitte  des  Jahrhunderts  nichts  mehr  nachzuweisen
  ist.

In  den  ersten  Zeiten  «der  Universität  haben  die  Dozenten  regelmäßig  eine  schr
große  Zahl  von  Vorlesungen  übernommen;  drei,  selbst  acht  Stunden  den  Tag  war  nichts
außergewöhnliches,  sodaß  noch  1755  die  Professoren  vom  Ministerium  ermahnt  werden,
weniger  zu  lesen,  dafür  sich  aber  mehr  der  wissenschaftlichen  Schriftstellerei  zu  widmen.
Noch  im  Jahre  1800  spricht  sich  der  Minister  v.  Massow  in  einem  Verichte  dahin  aus,
daß  «ie  meisten  Professoren  über  gedruckte  Compendia  lesen  oder  ihre  Hiefte  wörtlich
diktieren.  Dagegen  steht  fest,  daß  einzelne  hervorragende  Miünner,  wie  z.  B.
Thomasius,  schon  vor  200  Jahren  nur  wenig  diktierten,  dagegen  hauptsächlich  sich  in
freier  Rede  ergingen.  Noch  in  dem  18.  Jahrhundert  wird  es  aber  von  den  Zeitgenossen
  als  etwas  ganz  außergewöhnliches  hingestellt,  daß  Tholuck  seine  Vorlesungen
in  freier  Rede  hielt,  was  heutigen  Tages  als  die  Regel  anzuschen  ist.

Ursprünglich  waren  die  Professoren  verpflichtet,  die  hauptsächlichsten  Vorlesungen
gratis  zu  halten,  als  Äquivalent  für  das  empfangene  (iehalt.  Außerdem  hielten  die
Dozenten  Privatissima  über  Spezialien,  wofür  sie  von  den  Studierenden  besonders
honoriert  wurden.  Schon  schr  bald  aber  wurden  die  öffentlichen  Vorlesungen  eingeschränkt
  und  auch  die  hauptsächlichsten  gegen  llonorarzahlung  gehalten.  Gegenwärtig
ist  der  Professor  nur  verpflichtet,  eine  Vorlesung  publice  zu  halten.  Eine  Verminderung