IX.  Die  Königlich  Preußische  Universität  zu  Marburg  i.  H.

I.  Geschichtliche  Übersicht.

Vor  1866.  Die  Universität  Marburg  ist  aus  dem  Geist  der  Reformation
  herausgeboren.  Philipp  der  Großmütige  von  Hessen  begründete
  sie  1527,  zwei  Jahre  nachdem  er  sich  zum  ncuen  Glauben
bekannt  hatte;  sie  sollte  ein  Werkzeug  sein,  auch  scin  Land  der  Reformation
  zu  gewinnen  und  in  der  rechten  Lchre  zu  erhalten.  Zugleich
mit  ihr  entstand  eine  Vorschule  (Pädagogium),  die  bis  ins  19.  Jahrhundert
  mit  der  Universität  in  engster  Verbindung  blieb.  Eine
Reihe  hervorragender  Kräfte  wirkten  an  der  jungen  Hochschule,  die
Theologen  I.ambertus,  Krafft,  Hyperius,  die  Juristen  Eisermann,
Oldendorp,  später  Vultejus,  der  Mediziner  Euricius  Cordus,  an  der
philosophischen  Fakultät  H.  von  dem  Busche,  Kobanus  Hessus,  später
R.  Goclenius  und  Schupp.

Die  anfangs  des  17.  Jahrhunderts  ausbrechenden  Streitigkeiten
in  der  hessischen  Dynastie,  die  Bekämpfung  des  Luthertums  durch
den  von  Landgraf  Moritz  geförderten  Calvinismus,  vor  allem  aber  die
Gegengründung  einer  Universität  in  Gießen  unterbrachen  dann  die
Blüte  Marburgs  jäh.

Seit  ihrer  Erneuerung  1653  erhieli  die  Universität  den  Charakler  einer  sireng  reforınierten
  Anstalt;  an  diesen  konfessionellen  Charakter  waren  auch  die  drei  weltlichen
Fakuliäten  gebunden.  Zum  erstenmal  wurde  dieser  Grundsalz  durchbrochen  zugunsten
des  aus  Preußen  vertriebenen  Philosophen  Christian  Wolff,  dessen  Wirksamkeit  von  1723
bis  1740  eine  neue  Blütezeit  für  die  IHlochschule  bedeutet.

Ersı  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  als  der  Geist  der  Anfklärung  die  Herrschaft
  gewann,  fanden  lwherische  und  vereinzelt  selbst  katholische  Männer  Anstellung.
Seit  1784  wurde  in  der  philosophischen  Fakultät  die  lutherische  Glaubenslehre  vorgetragen.
  Aber  den  konfessionellen  Charakter  verlor  die  ıheologische  Fakultät  erst