432  Die  einzelnen  Universitäten.

Nur  wenige  Institute  hatten  befriedigendeMittel;  die  meisten  mußten  sich  auch
mit  ungenügenden  Räumen  behelfen.  Die  Anpassung  der  früheren  Deutschordensniederlassung
  um  die  altehrwürdige  Elisabethenkirche  seit  1822  für  die  Zwecke  des  naturhaftlich
  lizinischen  Unterrichts  erwies  sich  schon  nach  kurzer  Zeit  als  unzureichend.
  Das  klinische  Hospital,  zur  selben  Zeit  in  ein  Iandkrankenhaus  der  Provinz
Oberhessen  mit  etwa  40  Betten  verwandelt,  wurde  erst  in  den  letzten  Jahren  des  Kurfürstentums
  (1858)  durch  «len  Bau  einer  besonderen,  für  ihre  Zeit  befriedigenden  chirurgischen
  Klinik  entlastet.  Jetzt  standen  etwa  100  Betten  für  innere  Medizin  und  Chirurgie
zur  Verfügung,  etwa  2  Dutzend  in  der  durch  ihre  ungesunde  Lage  berüchtigten  geburtshilflichen
  Klinik.

Während  zugunsten  der  letzteren  drei  Jahrzehnte  lang  vergeblich  um  einen  Neubau
petitioniert  wurde,  erfreuten  sich  das  anatomische  und  das  physikalische  Institut  seit  1842
geräumiger  Neubauten,  denen  freilich  die  Dotation  nicht  entsprach.

Die  Gesamtzahl  der  Ordinariate  hat  sich  von  1806-1855  nicht  vermehrt.  Unter
den  Wünschen  der  Universität  in  den  bewegten  Jahren  1848/49  spielte  der  Hinweis  auf
diese  auch  «den  Studenten  fühlbaren  Lücken  eine  erhebliche  Rolle.  Das  Bedürfnis  nach
fortschreitender  Arbeitsteilung  wurde  durch  Exıraordinariate  befriedigt,  die  im  18.  Jahrhundert
  nur  ausnahmsweise  begegnen.  Auch  das  Institut  der  Privatdozenten  ist  erst  seit
den  20er  Jahren  heimisch  geworden.  Erst  im  letzten  Jahrzehnt  der  kurhessischen  Zeit
sind  neue  Ördinariate  errichtet  worden,  darunter  solche  für  Germanistik,  pharmazeutische
Chemie  und  Pharmakologie.

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Abgeschen  von  den  Institutsverhältnissen  war  die  l.age  der  Professoren  und
damit  auch  der  Ruf,  den  Marburg  in  kurhessischer  Zeit  genoß,  durch  drei  Umstände  ungünstig
  beeinflußt,  durch  die  schlechte  Bezahlung,  durch  die  politische  Unsicherheit
und  durch  die  geringe  I’requenz  der  Ilochschule.

Die  Gichülter  der  ordentlichen  uud  fast  noch  mehr  die  der  außerordentlichen
Professoren  waren  zu  jeder  Zeit  unzureichend,  denn  das  Minimalgehalt  der  ersteren  wurde
von  1831—1865  allmählich  nur  von  500  auf  800  Taler,  das  der  letzteren  gar  bloß  von
200  auf  300  'l’aler  erhöht.  Dazu  wurden  die  XNaturaleinkünfte  mehr  und  mehr  eingezogen;
  die  Kollegiengelder  spielten  bei  der  kleinen  und  stagmierenden  Frequenz
keine  Rolle.

In  kleineren  Staaten  ist,  wenn  Residenz  und  Universität  räumlich  auseinanderfallen,
  ein  gegenseitiges  Vorurteil  die  Regel.  Beseitigt  wird  dasselbe  nur  durch  intensives
Interesse  der  Fürsten  an  der  Wissenschaft.  Dies  fchlte  aber  leider  gauz  bei  den  letzten
Kurfürsten.  Um  so  leichter  mußten  diese  sich  nach  den  Karlsbader  Beschlüssen  von  der
gegen  die  geistige  und  politische  Freiheit  sich  richtenden  Bewegung  ihrer  Minister
mitreißen  lassen.

Nicht  so  sehr  unter  Hassenpflugs  erstem  Ministerium  (1832—37),  das  doch  nicht
nur  nahm,  sondern  auch  gab,  als  unter  seinen  Nachfolgern  bis  1848  sowie  besonders
während  Ilassenptlugs  zweiter  Ministerzeit  11850—55)  lastete  ein  schwerer  Druck  auf  der
Universität.  Der  doktrinär-pathetische  aber  dabei  zweifellos  verdiente  Vorkämpfer  für  die
Verfassung,  der  Rechtsphilosoph  Jordan,  wurde  1839  eingekerkert  und  verließ  als  gebrochener
  Mann  erst  nach  Jahren  das  Gefangnis.  Im  folgenden  Jahrzehnt  waren  gleichzeitig
  drei  Professoren  wegen  angeblicher  demagogischer  Umtriebe  suspendiert,  darunter
der  erste  Vertreter  der  Staatswissenschaften  von  allgemeinerer  Bedeutung  Hildebrand.
Besetzungen  gegen  oder  ohne  den  Vorschlag  der  Universität  mehrten  sich.  Neben
Männern  wie  Vilmar,  der  durch  seine  Mischung  von  Orthodoxie  und  Mystizismus  auch
auf  der  Hochschule  zweischneidig  wirkte,  verdankte  die  Universität  freilich  dieser  Praxis
auch  Kräfte  ersten  Ranges  wie  den  jugendlichen  Bunsen.

Wie  die  Stagnation  des  deutschen  Universitätsbesuchs  überhaupt  von  1836  —1861,
so  ist  auch  die  gleichzeitige  Abnahme  der  Marburger  Studierenden  mit  durch  die  poli-