Die  Königl.  Preußische  Universität  zu  Marburg  ı.  H.  433

tischen  Zustände  hervorgerufen.  Aber  daneben  kamen  andere  Dinge  in  Betracht:  die
geringe  Sorge,  die  die  Regierung  den  Instituten  widmete,  die  Zugehörigkeit  Marburgs
zu  einen  kleinen  Territorium.  Für  Ausländer  bot  das  Ländchen  und  die  kleine  primitive
Musenstadt,  deren  landschaftliche  Reize  noch  nicht  allgemein  beachtet  waren,  nicht  die
gleiche  Anziehung  wie  andere.

Auch  die  jetzt  immer  mehr  zur  Kegel  werdende  Absperrung  der  Territorien  gegen
einander  in  bezug  auf  die  Vorbildung  der  Beamten,  Pfarrer  und  Lchrer,  der  auch  die
akademischen  Grade  zum  Opfer  hielen,  bat  Marburg  mehr  geschadet  wie  genützt,
zumal  die  Regierung  das  Studium  außerhalb  des  Landes  durch  ihre  Bereitwilligkeit  zu
Dispensationen  förderte.  Besonders  auflallend  ist  der  Rückgang  der  Juristen  von  109  zu
Anfang  des  4.  Jahrzehnts  bis  auf  39  im  Durchschnitt  von  1856,66.  Immer  wieder  klagte
Marburg,  daß  so  viele  Kurhessen  namentlich  das  benachbarte  Gießen  vorzögen.  Mehrfach
ist  im  Schoß  der  Regierung  die  Frage  emes  Kartells  mit  Nassau,  wegen  der  Vorbildung
seiner  bisher  in  Göttingen  studierenden  künftigen  Beamten,  ja  auch  die  Frage  der  Wiedervereinigung
  von  Marburg  und  Gießen,  dessen  Blüte  man  besonders  mißlich  empfand,
swwdiert  worden.

Von  Treitschke  stammt  das  wahre  Wort,  die  Universität  Marburg  habe  bis  zum
Ende  der  kurfürstlichen  Zeit  sich  den  Ruf  erworben,  daß  sie  bedeutende  junge  Krähe
zu  gewinnen,  aber  nicht  zu  halten  verstehe.  Die  Schuld  daran  trugen  aber  nicht  Universitütsverfassung
  oder  kollegiale  Verhältnisse,  sondern  Umstände,  die,  wie  das  Vorstehende
  zeigt,  sich  dem  Einfluß  «der  Universität  ganz  entzogen.

Um  die  namhaftesten  Lehrer  seit  dem  Peginn  des  19.  Jahrhunderts  hervorzuheben,
so  wirkten  in  den  ernten  Jahrzehnten  der  Jurist  Weis,  der  Kliniker  Bartels,  die  Theologen
Hupfeld,  Arnoldi  und  Justi,  in  den  30er  Jahren  die  Pandektisten  Puchta  (18R5—38)
und  von  Vangerow  (1833—40),  der  spütere  Genossenschafts-Theoretiker  V.  A.  Huber
(1836—  43),  sowie  der  Altertumsforscher  K.  Fr.  Ilermann  (bis  1842).

Die  glanzendsten  Namen  aber  waren  gerade  in  der  trübsten  Zeit  in  den  30er  und
50er  Jahren  in  Marburg  tätig.  Um  nur  einige  anzuführen,  der  Kirchenhistoriker  Rettberg
1838—  491,  der  Chemiker  Bunsen  (1839—51),  der  Historiker  von  Sybel  (1845-56),
der  sich  dank  Freiimut  und  Ruhe  rasch  das  Vertriuen  auch  des  Volkes  erwarb,  der
Orientalist  J.  Gildemeister  (1845—59,  der  Philosoph  Zeller  (1850-062),  der  früher
erwähnte  Nationalökonum  Hildebrand  (1840—52);  neben  ilım  der  junge  Knies  (1846
bis  52).  Auch  der  Physiologe  ludwig  hat  hier  begonnen  (1846—50).  HKiwas  spater
liegt  die  Wirksamkeit  des  Begründers  der  Anthropologie  "Ih.  Waitz  (1854—64)  und
des  Chemikers  Kolbe  (1851  —  60).

Wa»  über  die  Kleinheit  des  Orts,  die  Enge  der  beruflichen  Tätigkeit,  die  Schwüle
der  politischen  Atmosphäre  hinwerhalf,  das  war,  wie  une  die  Worte  der  schwärmerischen
Bettina  von  Armim,  des  alternden  Savigny  an  die  Marburger  jurisüsche  Fakultät  (1850).
die  Erinnerungen  Zeller  an  Sybel,  die  Eindrücke  des  jungen  Tyndall  neben  vielen
anderen  bezeugen,  der  außergewöhnliche  Reiz  der  Natur  und  die  geistige  Übereinstimmung,
die  innerhalb  der  Universität  die  einzelnen  Kreise  einipte.

Seit  1866.  Eine  neue  Zeit  begann  mit  der  Vereinigung  Kurhessens
  mit  Preußen.  Mit  großen  Hoffnungen  sah  die  Universität
der  neuen  Verwaltung  entgegen.  Wurden  diese  Hoffnungen  auch
vielleicht  zuerst  stark  auf  die  Probe  gestellt,  so  gingen  sie  doch
allmählich  fast  alle  in  Erfüllung;  ja  die  intwicklung  in  dieser  neuesten
F.poche  ist,  wenn  auch  nicht  ausschließlich  infolge  der  Finverleibung
in  den  preußischen  Staat,  über  alle  Erwartungen  hinausgegangen.

Das  Unterrichtswesen  im  Deutschen  Reich.  1.  25