Die  Königl.  Württembergische  Eberhard-Karls-Universitat  zu  Tübingen.  537

Die  evangelisch-theologische  Fakultät  zählt  dermalen  6
ordentliche  Professoren*)  und  I  außerordentlichen  Professor.  Unter
der  Aufsicht  der  Fakultät  steht  das  von  einem  ihrer  Mitglieder
geleitete,  1815  gegründete  evangelische  Predigerinstitut,  dessen  jährliche
  Gesamtausgabe  1786  Mark  beträgt,  und  das  1903  gegründete
theologische  Seminar.

Mit  der  Fakultät  steht  ferner  das  evangelische  Seminar,  früher
Stipendium,  jetzt  gewöhnlich  Stift  genannt,  in  Verbindung,  das  im
Jahre  1536  zur  Erziehung  junger  Theologen  des  Landes  gegründet
wurde;  im  Jahre  1547  wurden  die  39  Stipendiaten  in  einem  chemaligen
Kloster  untergebracht  und  im  Jahre  1557  auf  100,  später  auf  150
vermehrt.  Die  Anstalt  rekrutiert  sich  vorzugsweise  aus  den
„niederen  Seminaren“,  vier  in  chemaligen  Klöstern  untergebrachten
Pensionaten,  deren  Zöglinge  durch  ein  Konkursexamen  ausgewählt
und  während  der  letzten  vier  Gymmasialjahre  auf  Staatskosten  unterhalten
  und  unterrichtet  werden.  In  das  höhere  Seminar  in  Tübingen
werden  jetzt  jährlich  35  Zöglinge  auf  Grund  eines  Konkursexamens
aufsenommen,  um  bier  während  vier  Studienjahren  und  ihres  Militärjahres
  umsonst  Kost  und  Wohnung  zu  erhalten.  Durchschnittlich  sechs
von  jedem  Jahrgang  bereiten  sich  auf  den  Beruf  als  Gymnasiallehrer,
die  übrigen  auf  den  des  Geistlichen  vor,  indem  sie  namentlich  die
entsprechenden  Vorlesungen  der  Universität  hören.  Dice  Anstalt
besitzt  elf  „Repetenten“,  welche,  mit  den  Tutoren  bei  den  Kollegien
der  alten  englischen  Universitäten  vergleichbar,  die  Zöglinge  beim
Studium  beaufsichtigen  und  ihnen  auch  einigen  Unterricht  erteilen.
Die  Leitung  der  Anstalt  liegt  in  der  Hand  von  zwei  Mitgliedern  der
theologischen  und  einem  der  philosophischen  Fakultät.  Die  früher
dem  evangelischen  Kirchengut  obgelegene  Unterhaltungs  ist,  als  dieses
am  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  vom  Staat  eingezogen  wurde,
auf  diesen  übergegangen.  Der  Staat  verwendet  jetzt  auf  die  Anstalt
jährlich  130000  Mark.  Das  Stift  übte,  bis  in  neuerer  Zeit  die  Zahl
der  Studierenden  der  weltlichen  Fakultäten  wuchs,  einen  starken
Finfluß  auf  die  ganze  Universität  und  ist  der  Grund,  warum  in
Tübingen  lange  die  theologischen  Studien  vor  den  anderen  blühten.

Die  katholisch-theologische  Fakultät  zählt  dermalen
6  ordentliche  Professoren.**;  Als  am  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts
der  bis  dahin  rein  cvangelische  Staat  große  katholische  Bezirke

*)  Buder,  Grill,  Gottschick,  Hüuring,  Schlatter,  Müller.

**\  Funk,  Schanz,  Belser,  Vetter,  Koch,  Sägmüller.