Die  Großherzogl.  Hessische  L.udwigs-Universität  zu  Gießen,  565

der  Hochschule  bei  weiten  die  Theologen.  Erwähnt  zu  werden  verdienen
  Balthasar  Mentzer  (1565—  1027),  einer  von  den  aus  Marburg
vertriebenen  Professoren,  der  hauptsächlichste  Berater  der  Regierung
bei  der  Stiftung  und  Organisation  der  Universität,  der  Führer  der
Gießener  Theologen  in  ihrem  die  Zeit  schr  erregenden  dogmatischen
Streite  mit  den  Tübingern,  dann  Joh.  Heinr.  May  (1653—1719),  in
Gießen  von  1688  bis  zu  scinem  Tode,  der  Reformator  der  Universität
im  Sinne  des  Pietismus.  Neben  ihn  wirkte,  freilich  nur  von  1697
bis  1608,  als  Professor  der  Geschichte  Gottfried  Arnold  (1666—  1714),
ein  pictistischer  Kirchenhistoriker  von  Ruf,  namentlich  bekannt  durch
seine  „unparteiissche  Kirchen-  und  Ketzerhistorie“,  ein  Werk,  das
heute  noch  Beachtung  genießt.  F.benfalls  der  pietistischen  FEpoche
gehörte  Joh.  Jakob  Rambach  (1693-1735,  in  Gießen  seit  1731),  ein
beliebter  Dichter  von  Kirchenliedern,  an.  Von  den  weiteren  Theologen
des  18.  Jahrhunderts  sind  zwei  zu  erwähnen:  Christoph  Matthäus
Pfaff  (1686-1760),  in  seinen  vier  letzten  Lebensjahren  in  Gießen
wirksam,  namentlich  auf  kirchenrechtlichen  Gebiete  bekannt,  ein  Vorkänpfer
  für  das  sog.  Kollegialsystem  im  Gegensatz  zum  Territorialsystem,
  und  dann  der  berüchtigte,  aber  geistreiche  Rationalist  und
Polemiker  Karl  Friedrich  Bahrdt  (1741—1792,  in  Gießen  1771-1775).

Von  den  Gießener  Theologen  des  19.  Jahrhunderts  ragt  in  erster
Linie  hervor  Karl  Aug.  Credner  (1797—  1857),  in  Gießen  bis  zu  seinem
Tode  ein  volles  viertel  Jahrhundert  tätig.  Er  machte  sich  einen
Namen  namentlich  auf  den  Gebiete  der  neutestamentlichen  Wissenschaft.
  Hervorzuheben  sind  noch  Karl  Theod.  Keim  (1825  —  1878),  in
Gießen  von  1873—  78,  der  Verfasser  der  „Geschichte  Jesu  von  Nazara“,
August  Dillmann  (1823—4Y4),  von  1864—69  in  Gießen   alttestanıentlicher
  Exeget,  namentlich  geschätzt  als  Neubegründer  der  äthiopischen
Studien,  und  endlich  Gustav  Baur  (1816—89),  in  Gießen  von  1841  —061
praktischer  Theologe.

Von  Juristen  der  Gießener  Universität  aus  ihrer  ersten  Zeit  darf
der  erste  Kanzler  und  Rektor  Gottfried  Antoni  (1571—1618)  als
hervorragender  Kenner  des  J.ehenrechts  genannt  werden.  Als
Kriminalist  genoß  in  seiner  Zeit  cin  hohes  Ansehen  Melchior  von
Grolman  (1668—  1722),  feıner  der  Freund  Goethes  Ludw.  Jul.  Friedr.
Höpfner  (1743—97),  der  bis  zu  seinem  Tode  in  Gießen  wirkte  und
ein  namhafter  Bearbeiter  des  Naturrechts  war.  Für  die  erste  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  kommen  der  bekannte  Pandcektist  Karl  Friedr.
Ferd.  Sintenis  (1804—68)  in  Gießen  1837—41,  der  Prozessualist
Gustav  Ludw.  Theod.  Marezoll  (1794—  1873),  der  seine  erste  Professur