60  Die  einzelnen  Universitäten.

und  naturwissenschaftlichen,  ausgestattet  war,  und  bis  unmittelbar  zum
Kriege  1870  ihre  Tätigkeit  entfaltete.

Schon  vor  der  Kapitulation  von  Straßburg  sind  in  der  öffentlichen
  Meinung  Deutschlands,  vor  allem  natürlich  in  den  Universitätskreisen,
  Stimmen  laut  geworden,  welche  die  Wiedererrichtung  ciner
großen  deutschen  Universität  auf  diesem  alten  Kulturboden  verlangten.
  Diese  Wünsche  verkörperten  sich  in  dem  Reschlusse  des
deutschen  Reichstages  vom  24.  Mai  1871,  wodurch  der  Reichskarzler
aufgefordert  wurde,  die  Errichtung  ciner  deutschen  Universität  in
Straßburg  baldmöglichst  ins  Werk  zu  setzen.  Schon  Ende  Juli  1871
beauftragte  Bismarck  unter  Zustimmung  des  Kaisers  den  früheren
badischen  Minister  Freiherrn  von  Roggenbach,  die  Einrichtung  der
neuen  Hochschule  vorzubereiten,  und  der  ausdrückliche  Wunsch  des
Kanzlers,  daß  die  neue  Universität  schon  zu  Ostern  1872  ins  l.cben
trete,  konnte  erfüllt  werden:  am  1.  Mai  1872  wurde  die  neue  Hochschule
  eröffnet,  nachdem  am  U.  April  desselben  Jahres  die  ersten
Professoren  ernannt  worden  waren,  44  ordentliche  und  13  autserordentliche,
  von  denen  45  am  6.  Mai  ihre  Vorlesungen  begannen,
darunter  der  bedeutende  elsässische  Theologe  Eduard  Reuts,  die  ausgezeichneten
  Mathematiker  und  Naturforscher  Christoffel,  Kundt,  De  Bary
und  Winneke.  Außerdem  erwies  der  berühmte  Sprachforscher  Professor
Max  Müller  aus  Oxford  der  jungen  Straßburger  Universität  die  Aufmerksamkeit,
  im  ersten  Semester  Vorlesungen  über  die  Resultate  der
vergleichenden  Sprachwissenschaft  an  ihr  zu  halten.  Sie  war  die
erste  deutsche  Universität,  an  der  konsequent  das  Lehrsystem  durchgeführt
  wurde,  das  in  den  Scminarien  oder  praktischen  Übungen
einen  gleichberechtigten  Faktor  neben  den  Vorlesungen   crblickt,
obwohl  gerade  hierfür  die  Beschaffung  der  erforderlichen  Räume  mit
besonderen  Schwierigkeiten  verknüpft  war.  Von  1878  bis  1884  wurde
das  allgemeine  Kollegiengrebäude  errichtet,  in  dem  die  theologischen,
juristischen  und  staatswissenschaftlichen,  philosophischen  und  mathematischen
  Disziplinen  ihr  Unterkommen  gefunden  haben.  Um  das
Kollegiengebäude  gruppieren  sich  die  Neubauten  für  die  naturwissenschaftlichen
  Fächer,  von  denen  nur  noch  die  Pliarmazie  in  den
nächsten  Jahren  in  einem  entsprechenden  Neubau  unterzubringen  ist.
Die  medizinischen  Anstalten  gruppieren  sich  um  das  Bürgerspitäl,
etwa  15  Minuten  von  dem  Kollegiengebäude  entfernt.  Am  f.  Oktober
1903  ist  auch  eine  katholisch-theologische  Fakultät  an  der  Universität
eröffnet  worden.