Die  Schulziele.  41

schritte  der  Technik  umgewandelt.  In  steter  Wechselwirkung  mit
der  Veränderung  der  sozialen  Zustände  stand  die  der  politischen
Verfassungen.

Ins  Große  ging  durch  die  Ergebnisse  der  wissenschaftlichen
Forschung  die  Bereicherung  des  Wissensstoffes.  Stark  vermehrte  Ansprüche
  an  die  Kraft  der  Gesamtheit  und  des  einzelnen  stellten  der
Staat  und  die  Gesellschaft  zur  Durchführung  der  ihnen  erwachsenen
neuen  politischen,  wissenschaftlichen,  sozialen  Aufgaben  und  Kämpfe.
Mit  gebietertscher  Macht  drängten  die  neuzeitlichen  Bildungsbedürfnisse
und  -Errungenschaften  heran  und  forderten  und  eroberten  sich  einen
ihrer  zunehmenden  Bedeutung  entsprechenden  weiteren  Raum  im
Unterricht  der  höheren  Schulen.

Das  10.  Jahrhundert  lieferte  den  endgültigen  Beweis,  daß  die
neuzeitliche  Bildung  nicht  mehr  wie  die  mittelalterliche  im  wesentlichen
  in  der  der  Alten  beschlossen  liegt,  sondern  auf  vielen  Linien
weit  darüber  hinausgeschritten  ist.  Der  Geistesschatz  des  klassischen
Altertums  konnte  nicht  mehr  als  der  Inbegriff,  sondern  nur  noch  als
ein  Stammgut  der  höheren  Bildung  anerkannt  werden.  Die  Auseinandersetzung
  zwischen  Altertum  und  Gegenwart  bildete  den  Angelpunkt
  im  Streit  um  die  Lehrpläne.  Die  brennendste  schulpolitische
Frage  wurde  die  nach  der  Stellung  des  Lateinischen  und  Griechischen
im  Kreise  der  l.chrfächer.

Die  beiden  alten  Sprachen  haben  im  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts
  in  allen  europäischen  Kulturstaaten  eine  Einschränkung
ihres  Geltungsbereichs  erfahren.  Und  dies  in  zweifacher  Weise.  Da,
wo  sie  cin  Bestandteil  des  Lehrgangs  geblieben  sind,  hat  sich  ihre
Stundenzahl  vermindert.  Außerdem  sind  aber  zahlreiche  Lehrgänge
ohne  Griechisch  und  J.atein  eröffnet  worden,  die  ihren  Schülern
ebenfalls  den  anerkannten  Besitz  einer  höheren  Allgemeinbildung  zu
eigen  machen.  Griechisch  ist  im  Mittelalter  auf  den  Schulen  des
europäischen  Abendlandes  kein  I.chrfach  gewesen  und  auch  in  der
Neuzeit  niemals  allgemein  als  unerläßliches  höheres  Bildungsfach  be
trachtet  worden.  Das  höchste  Anschen,  ein  höheres  als  jemals  anderwärts,
  genofs  cs  in  Deutschland,  als  die  von  der  klassischen  Dichtung
neubefruchtete  Altertumswissenschaft  ihre  Blüte  erreichte.  Die  Erklärung
  hierfür  liegt  in  idealen  Beweggründen.  In  dem  als  wahlverwandt
  empfundenen  griechischen  Geist  erblickte  man  weit  und
breit  das  beste  Bildungsmittel  zur  geistigen  und  nationalen  Kraftansammlung
  im  deutschen  Volkstum.  Mit  der  politischen  Erstarkung
des  Deutschtums  und  der  fortschreitenden  Nutzbarmachung  unserer