4)  Grundzüge  der  Verfassung  des  höheren  Schulwesens  in  Deutschland.

eigenen  Geistesschätze  für  die  Jugendbildung  verlor  das  Griechische
seine  führende  Rolle  wieder,  um  sie  dem  Deutschen  zu  überlassen,
doch  wertete  man  cs  nach  wie  vor  in  Deutschland  höher  als  im  Ausland.
  Durch  und  durch  praktischen  Rücksichten  hat  das  Latein  vom
Mittelalter  an  seine  Rangstellung  im  L.chrplan  der  höheren  Schulen
zu  verdanken  gehabt.  Rom  überlieferte  dem  gesamten  europäischen
Abendland  die  Kultur  des  Altertums,  die  römische  Kirche  blieb  ihre
Trägerin  nach  dem  Zerfall  des  Weltreiches,  ihre  Sprache  war  das
lateinische,  aller  Zugang  zu  höherer  Bildung  und  geistiger  Wirksamkeit
  ging  durch  die  Sprache  Roms  hindurch.

Am  vollständigsten  verschmolz  sich  das  Römische  mit  dem
germanischen  Volkstum  in  den  chemaligen  Provinzen  des  Römischen
Reichs.  Hlier  gingen  die  romanischen  Völker  daraus  hervor.  Am
wenigsten  tief  drang  das  Römische  bei  den  skandinavischen  Germanen
ein.  In  mittlerer  Lage  befand  sich  Deutschland.  Zwischen  Alpen
und  Donau  und  in  den  rheinischen  Landen  bis  zum  Limes  hin  hatte
römische  Herrschaft  bestanden.  In  diesen  Teilen  Deutschlands  hatte
man  Romanen,  die  Italiener  und  Franzosen,  zu  Nachbarn  und  unterhielt
allezeit  regen  Verkehr  mit  ihnen.  Bei  den  romanischen  Völkern
behauptete  sich  die  römische  Kirche  in  ihrer  alten  Macht  der
Reformation  gegenüber.  In  Deutschland  behielt  sie  den  meisten
Boden  in  den  Donau-  und  Rheinländern.  Skandinavien  ging  ihr
ganz  verloren.  Wo  die  römische  Kirche  herrschend  blieb,  da  leitete
sie  auch  ferner  noch  den  Jugrendunterricht,  und  insbesondere  war  es  der
Jesuitenorden,  der  ihn  in  seine  Hand  nahm.  Unter  ihm  und  den
anderen  Orden  nahm  das  mittelalterliche  Schulsystem  mit  Latein  als
Dominante,  nur  kunstvoller  entwickelt,  seinen  Tlortzang.  Doch  auch
die  Schule  der  Reformation  entfernte  sich  zunächst  nicht  weit  vom  Typus
der  mittelalterlichen  Lateinschule,  hauptsächlich  nur  mit  dem  Unterschied,
  daß  evangelischer  Religionsunterricht  an  die  Stelle  der  katholischen
  Religionsübung  trat.  ‚Aber  eine  starke  Stütze  verlor  doch  von
vornherein  in  den  evangelischen  Schulen  das  Latein:  es  war  nicht
mehr  die  Sprache  der  Kirche.  Als  es  späterhin  auch  aufhörte,  die
Sprache  des  diplomatischen  Verkehrs  und  der  Wissenschaft  zu  sein,
da  wirkte  wohl  die  Macht  der  Gewohnheit  noch  lange  kräftier  für  die
Fortdauer  seiner  Vorrangstellung,  doch  bedurfte  man  zu  ihrer  inneren
Rechtfertigung  an  evangelischen  Schulen  einer  neuen  Begründung  und
fand  sie  in  der  dem  Laäteinbetricb  innewohnenden  Geistesgy'mnastik.  In
den  katholischen  Schulen  dagegen  blieb  dem  Latein  noch  länger  seine
alte  kirchliche  Stütze  unverändert  erhalten.  Erst  mit  der  zunehmenden