68  Lehrpläne  und  l.chrbetrieb.

die  deutsche  Gelehrtenschule  nicht  wesentlich  von  der  der  anderen
europäischen  Kulturnationen.  \Vie  dort  so  hier  war  die  Beschäftigung
mit  der  lateinischen  Sprache  der  Hauptgegenstand  des  Unterrichts,
wie  dort  so  hier  trugen  schon  die  geistlichen  Schulen  des  Mittelalters
durchweg  den  Charakter  von  Lateinschulen,  und  dieses  Gepräge  blicb
den  deutschen  Gymnasien,  wie  sie  aus  der  humanistischen  Epoche
des  16.  Jahrhunderts  hervorgingen,  gewahrt.  Auch  darin  glichen
einander  die  Schulen  der  verschiedenen  Länder,  daß  der  Geist  des
Humanismus  nur  ganz  einseitig  in  ihnen  zutage  trat:  das  sachliche
und  ästhetische  Interesse  für  das  klassische  Altertum,  insbesondere
für  seine  Dichter  und  Schriftsteller,  das  dereinst  durch  die  Renaissance
geweckt  worden  war,  trat  bald  wieder  zurück,  und  der  Unterricht
nahm  überall  einen  rein  formalistischen  Charakter  an.  Grammatik  und
Rhetorik  gaben  die  wesentlichen  Lehrziele  und  Gesichtspunkte  her;
nach  ihnen  wurde  auch  die  Lektüre  ausgewählt  und  eingerichtet.  Als
nun  aber  im  Laufe  des  18.  Jahrhunderts  das  Unzureichende  dieser
Ziele  und  Methoden  in  allen  Tändern  erkannt  wurde,  da  vollzog  sich
in  Deutschland  eine  bedeutungsvolle  \Vandlung,  welche  England  und
Frankreich  nicht  im  gleichen  Maße  mit  durchgemacht  haben.  Der
Aufschwung,  den  gerade  in  jener  Zeit  die  klassische  Philologie  an
deutschen  Universitäten  nahm  und  das  Aufblühen  unserer  klassischen
Dichtung  wirkten  zusammen,  um  einc  neue  Auffassung  von  der  Bedeutung
  des  klassischen  Altertums  für  Erziehung  und  Leben  zu  begründen
  und  den  Unterricht  in  diesem  Sinne  umzugestalten.  So  gelangte
  die  Richtung  im  deutschen  Schulwesen  zur  Herrschaft,  die  wir
mit  dem  Namen  Neuhumanismus  zu  bezeichnen  pflegen.  An  ihrer
Begründung  haben  alle  großen  Deutschen  der  klassischen  Epoche
mitgearbeitet;  vor  allem  Herder,  Friedrich  August  Wolff  und  Wilhelm
von  Humboldt.  Durch  Humboldt  und  seine  Nachfolger  Süvern  und
Joh.  Schulze  sind  die  preußischen,  durch  Niethammer  und  Thiersch
die  bayerischen  Gelehrtenschulen  in  diesem  Sinne  ausgestaltet  worden,
und  etwa  vom  Ende  der  napoleonischen  Herrschaft  bis  zum  Jahre  1882
hat  der  Neuhumanismus  auf  den  deutschen  Gymnasien  grundsätzlich
und  ausgesprochen  geherrscht,  ihre  Lehrziele  und  Methoden  bestimmt.
Aber  auch  heute  noch  gibt  es  eine  große  Partei  unter  unseren  Schulmännern,
  welche  diese  Ziele  als  maßgebend  betrachten  und  wenigstens
auf  dem  Gymnasium  den  Geist  des  Neuhumanismus  wieder  lebendig
zu  machen  streben.

Welches  sind  nun  von  ihrem  Ursprunge  her  die  Ziele  und  Gesichtspunkte
  der  neuhumanistischen  Schule?