70  Lehrpläne  und  Liehrbetrieb.

die  früher  vielfach  behandelt  waren,  wie  Terenz  und  Seneka,  und  es
blieb  die  I.ektüre  nunmehr  beschränkt  auf  eine  kleine  Gruppe  von
Dichtern  und  Prosaikern,  die  letzteren  fast  ausschließlich  dem  Ciceronischen,
  die  ersteren  dem  Augusteischen  Zeitalter  angehörend.  Diese
Beschränkung  ging  aus  sprachlich  stilistischen  Rücksichten  hervor,
denn  das  alte  Ziel  der  Lateinschule,  lateinisch  Schreiben  und  Sprechen
zu  lehren,  war  in  dem  neuen  Gymnasium  keineswegs  aufgegeben,  und
wenn  auch  das  Sprechen  zurücktrat,  so  bildeten  doch  die  lateinischen
Konipositionen,  der  Aufsatz  und  dic  Rede,  die  höchste  und  entscheidende
leistung  des  Schülers.  Daneben  wurde  die  Übersetzung  ins  Lateinische,
zumal  die  „Extemporalien“  als  die  wichtigste  Übung  und  vielfach  als
das  entscheidende  Kriterium  für  die  Reife  und  Tüchtigkeit  des  Schülers
  angesehen,  und  dieser  letzteren  Aufgabe  schlossen  sich  bald  die
entsprechenden  griechischen  Übungen  an.  Freilich  wurden  nach  der
sprachlich  rhetorischen  Seite  die  Gesichtspunkte  erweitert  und  vertieft;
  nicht  nur  cine  äußerliche  Fertigkeit  im  Gebrauche  der
Sprache  sollte  erreicht  werden,  der  Neuhumanismus  stellte  statt  dieses
allzu  engen  Zieles  den  umfassenden  Begriff  der  formalen  Bildung
auf.  Die  Vorstellung,  die  sich  mit  diesem  Begriff  verband,  war  die,
daß  die  logisch  stilistischen  Fähigkeiten  der  Schüler  in  ihrem  ganzen
Umfang  durch  die  Beschäftigung  mit  den  alten  Sprachen  entwickelt
werden  sollten:  hier  sollten  die  Knaben  die  intellektuelle  Kraft  gewinnen,
  die  Formen  des  Denkens  und  der  Wiedergabe  sich  aneignen,
die  in  jeder  anderen  Sprache,  auch  in  der  eignen,  zur  Anwendung
konmmen.  Ja  darüber  hinaus  sollten  sie  durch  diese  Studien  die
Grundlage  für  alles  logische  Denken,  für  jede  wissenschaftliche  Betätigrung
  gewinnen.  Wie  der  sittliche  und  künstlerische  Geist  des
Altertums  als  das  Flement  angeschen  wurde,  aus  dem  allein  jede
währe  höhere  Geisteskultur  erwachsen  konnte,  so  galten  die  Formen,
in  denen  er  sich  aussprach,  nicht  nur  als  mustergültig,  sondern  als
die  einzigen,  an  denen  sich  die  Fähigkeit  zu  denken  und  das  Gedachte
darzustellen  entwickeln  und  schulen  konnte.  Yaher  wirkte  denn  dieser
formale  Gesichtspunkt  auch  auf  den  Betrieb  des  Griechischen  zurück,
und  wenn  auch  nicht  die  freie  Komposition,  so  wurde  doch  das  Übersetzen
  in  die  fremde  Sprache,  das  selbständige  Präparieren  des  Textes
und  die  sonstigen  sprachlichen  Übungen  vom  Lateinischen  auch  auf
das  Griechische  übertragen.  Man  kann  sich  dem  Eindruck  nicht
verschließen,  daß  in  der  Praxis  beider  L.ehrficher  von  vornherein
die  großen  Gesichtspunkte  ethischer  und  ästhetischer  Art  durch  die
formalen  Ziele  doch  wieder  vielfach  beeinträchtigt  und  zurückgedrängt