Geschichtlicher  Rückblick.  71

wurden.  Allein  mag  nun  auch  die  tatsächliche  Gestaltung  des  humanistischen
  Unterrichts  den  pädagogischen  Gedanken  des  Neuhumanismus
  nur  unvollkommen  verwirklicht  haben,  dieser  Gedanke  selbst  tritt
in  der  Leehrverfassung  der  Gymnasien,  wie  sie  etwa  in  den  beiden
Menschenaltern  von  1820—1880  bestanden  hat,  deutlich  zutage.  Das
Studium  beider  alten  Sprachen  soll  zusammenwirken,  um  einerseits
eine  ethische  und  ästhetische  Erziehung,  andererscits  cine  grammatisch
logische  und  stilistische  Schulung  zu  geben;  beides  zusammen  umfaßt
die  Gesamtheit  menschlicher  Bildung,  und  lcırt  daher  für  jeden  höheren
Beruf,  insbesondere  für  jede  wissenschaftliche  Tätigkeit  die  einzige
mögliche  gemeinsame  Grundlage.  Die  Berücksichtieung  anderer  Lchrfächer
  ist  folgerichtigerweise  eigentlich  garnicht  erforderlich,  denn  es
gibt  keine  Seite  des  geistigen  Lebens,  die  nicht  im  Altertum  entwickelt
  worden  ist  und  folglich  am  Studium  des  Altertums  von  neuem
entwickelt  werden  kann.  Nur  der  Mathematik  räumte  das  humanistische
Gymnasium  von  vornherein  einen  selbständigeren  Platz  zunächst  den
alten  Sprachen  ein:  alle  übrigen  Gegenstände:  Deutsch,  Französisch,
Geschichte  und  Natunwissenschaften  waren  Nebenfächer,  die  zusammen
genommen  nach  der  bayerischen  l.ehrordnung  von  1830  beträchtlich
weniger  Wochenstunden  erhielten,  als  die  beiden  alten  Sprachen,  und
in  den  preußischen  I.chrplänen  von  1837  nur  cin  wenigres  mehr*).  Dats
sie  überhaupt  in  den  Lehrplan  aufsrenommen  wurden,  entspricht  somit
nicht  eigentlich  der  Konsequenz  des  neuhumanistischen  Denkens;  es
ist  von  vornherein  eine  Konzession  an  das  Publikum  und  an  das  Bedürfnis
  des  Lebens,  die  denn  doch  nicht  wohl  zu  umgehen  war,  aber
auf  den  Geist  der  gymnasialen  Erziehung  keinen  Einfluß  haben  sollte
und  tatsächlich  lange  Zeit  hindurch  auch  nicht  gehabt  hat.

Je  entschiedener  nun  dieser  humanistische  Geist  das  Gymnasium
beherrschte,  je  einseitiger  damit  die  Vorbildung  für  die  gelehrten
Berufe  und  das  akademische  Studium  auf  die  Beschäftigung  mit  dem
klassischen  Altertum  gegründet  war,  desto  lebhafter  trat  das  Bedürfnis
  hervor,  für  diejenigen  Berufsarten,  die  auf  cine  engere  Fühlung
mit  «dem  praktischen  Leben  angewiesen  waren,  vor  allem  für  Kaufleute
  und  Techniker,  eine  Vorbildung  moderneren  und  praktischeren
Inhalts  zu  schaffen.  Es  waren  die  Realanstalten,  welche  diese  Aufgabe
  übernahmen.  Im  Zeitalter  der  Aufklärungspädagogik  waren
mancherlei  Ansätze  zu  realistischen  Bildungsanstalten  hervorgetreten,
aber  eine  feste  und  allgemein  gültige  Form  hat  sich  nicht  heraus-*)

  Siche  Rethwisch  a.a.O.  S.  37  u.  45.