72  lL.ehrplane  und  Lehrbetrieb.

gebildet,  und  die  neue  Schulform  war  in  den  Anfängen  stecken  geblieben:
  ein  Mittelding  zwischen  Fachschule  und  allgemeiner  Bildungsanstalt
  mit  einer  Unzahl  von  technischen  Fächern  überladen,  so  stellte
sich  die  Bürger-  oder  Realschule  —  beide  Namen  werden  gebraucht
  —  dem  Anblick  dar.  Allein  um  dieselbe  Zeit,  wo  das
humanistische  Gymnasium  seine  endgültige  Gestalt  gewann,  wurden
nun  auch  die  Grundzüge  der  realistischen  Schule  durch  amtliche
l.ehrpläne  festgelegt  und  ihr  neuer  Charakter  tritt  deutlich  hervor:
sie  verzichtet  auf  die  technische  Vorbildung  für  bestimmte  Berufsfäicher
  und  rückt  Mathematik  und  Naturwissenschaften  einerseits,
die  neueren  Sprachen  andererseits  in  den  Mittelpunkt  des  I.ehrplans.
Dabei  wurde  von  vornherein  vor  der  rein  realistischen  Schule  eine
Mischform  bevorzugt,  die  dem  heutigen  Realgymnasium  entspricht:
die  neunklassigen  Realanstalten  erhielten  fast  alle  Latein,  wenn  auch
nicht  in  dem  gleichen  Umfange  wie  die  humanistischen  Gymnasien.
Die  lateinlose  Oberrealschule,  in  Preußen  Gewerbeschule  genannt,
blieb  in  einer  verschwindenden  Minderheit.  Selbst  die  sechs-  und
sicbenklassige  höhere  Bürgerschule  oder  Realschule  zweiter  Ordnung
wollte  lange  nicht  recht  gedeihen.  Die  Ursache  war  nicht  nur  der
Mangel  an  staatlichen  Berechtigungen.  Hatten  die  Realanstalten  vor  den
humanistischen  den  Vorzug,  daf  sie  eine  unmittelbarere  Vorbildung
für  Leben  und  Beruf  geben  als  jene,  die  nur  mit  dem  weiten  Umweg
durch  cine  entfernte  Vergangenheit  ın  die  Gegenwart  führten,  so
standen  sie  pädagogisch  doch  in  doppelter  Beziehung  hinter  ihnen
zurück.  Hinmal  fehlte  ihrem  Bildungsgang  die  geschlossene  Einheit,
welche  der  l.ehrplan  des  neuhumanistischen  Gymnasiums  aufwies.
Hier  trat  nicht  wie  dort  ein  einzelnes  L.chrgebiet  als  das  zentrale
hervor,  dem  sich  die  übrigen  angliedern  konnten  und  sollten,  vielmehr
  waren  die  realistischen  Fächer  mit  den  neueren  Sprachen  nur
durch  das  äußere  Band  des  praktischen  Bedürfnisses  zusammengehalten,
  und  kam  nun  gar  das  lateinische  mit  einer  immerhin  beträchtlichen
  Stundenzahl  hinzu,  so  mußte  das  Ganze  zunächst  einen  buntscheckigen
  und  wenig  organischen  Charakter  annehmen,  um  so  mchr,
da  diese  verschiedenen  J.chrgegenstände  für  das  praktische  Ziel  der
Schule  gleich  wichtig  waren  und  eine  Scheidung  in  Haupt-  und
Nebenfächer  sich  nur  unvollkommen  durchführen  ließ.  Was  aber
noch  mehr  ins  Gewicht  fiel,  war,  daß  die  Methoden  aller  dieser  Fächer
zunächst  in  keiner  Weise  pädagogisch  ausgestaltet  und  beiestigt  waren.
Während  die  alten  Sprachen  auf  eine  lange  Tradition  zurückblickten
und  unter  dem  Finfluß  des  neuhumanistischen  Geistes  bestimmte