Geschichtlicher  Rückblick.  75

mehr  erstarkenden  neuen  Mächten  und  ihren  Ansprüchen,  jene  Aufgaben
  nicht  mehr  mit  der  ursprünglichen  Ausschließlichkeit  im  Auge
behalten.  Je  unerläßlicher  es  sich  erwies,  der  Bedeutung  der  exakten
Wissenschaften  Rechnung  zu  tragen,  je  entschiedener  sich  das  Bedürfnis
  fühlbar  machte,  auch  die  Sprache  und  die  Literatur,  wenigstens
eines  modernen  Volkes,  mit  in  den  Lehrplan  hineinzuziehen,  desto
mehr  weriet  die  innere  Einheit  des  humanistischen  Gymnasiunis  ins
Wanken  und  sein  Lehrplan  näherte  sich  unfreiwillig,  aber  Schritt  für
Schritt  dem  der  Realanstalten.  Es  wurde  laut  und  heftig  um  die
Stundenzahl  gestritten,  die  den  Nebenfächern  einzuräumen  seien,  und
doch  war  dies  nur  etwas  Äußerliches  und  stand  in  zweiter  Linie.
Wichtiger  war,  daß  das  Interesse  der  Schüler,  zum  Teil  auch  das
der  l.chrer,  daß  die  Kraft  und  die  Zeit,  welche  häusliche  Arbeiten
und  Privatstudien  in  Anspruch  nahmen,  in  immer  steigendem  Maße
den  alten  Sprachen  verloren  gingen  und  sich  den  Realien  zuwandten.
Damit  aber  wurde  die  Einheit  des  Geistes,  «die  Organisation  des
l.chrplans,  auf  der  die  Kraft  der  gymnasialen  Bildung  hauptsächlich
beruhte,  von  innen  heraus  gestört  und  drohte  verloren  zu  gehen.

Es  kam  noch  ein  Bestandteil  der  modernen  Bildung  hinzu,  um
zu  dem  gleichen  Erfolge  beizutragen:  das  vaterländische.  Die  Beschäftigung
  mit  der  Muttersprache  und  ihrer  Literatur  ist  in  unseren
höheren  Schulen  lange  Zeit  in  einer  Weise  hintangesetzt  worden,
wie  das  Ausländern  kaum  verständlich  sein  dürfte.  Der  Unterricht
im  deutschen  Stil  —  um  diesen  handelte  es  sich  kınge  Zeit  ausschließlich
  -—-  wurde  bis  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  nur  als
ein  Anhängsel  des  lateinischen  Unterrichts  betrachtet.  Noch  die
bayerische  Schulordnung  von  1830  setzte  nur  für  die  untersten  Klassen
zwei  deutsche  Stunden  in  der  Woche  an.  Der  preußische  Lehrplan
von  1837  verlangte  das  allerdings  schon  für  alle  Stufen  und  für
die  beiden  untersten  Klassen  sogar  die  doppelte  Zeit;  neben  der
Grammatik  und  Stilistik  drang  allmählich  die  L.iteraturgeschichte  in
den  Unterricht  ein.  Aber  eine  wirkliche  Beschäftigung  mit  den
klassischen  Erzeugnissen  der  deutschen  Literatur  gab  es  damit  auf
den  Schulen  noch  nicht,  wiewohl  schon  Herder  zwei  Menschenalter
vorher  eine  solche  gefordert  hatte.  1842  erst  brachte  R.  H.  Hiecke
mit  seinem  Buche  „Der  deutsche  Unterricht  auf  deutschen  Gymnasien,
ein  pädagogischer  Versuch“,  die  deutschen  Klassiker  als  Schullektüre
ernsthaft  in  Vorschlag.  Aber  noch  im  Jahre  1855  konnte  ein  Germanist
  wie  Carl  Müllenhoff  sich  gegen  diesen  Vorschlag  erklären;  und
es  ist  bezeichnend,  daß  nicht  nur  er,  sondern  auch  Carl  von  Raumer