Geschichtlicher  Rückblick.  77

abzureifßen,  das  die  Schule  der  Gegenwart  mit  der  bisherigen  Entwicklung
  der  deutschen  Bildung  verband,  der  Bildung,  die  zur  größeren
Hälfte  im  Klassizismus  wurzelte.  So  wurde  denn  das  Bedürfnis  nach
einer  Neuordnung  des  höheren  Schulwesens  allgemein  empfunden,  aber
in  welcher  Richtung  dieselbe  sich  bewegen,  wie  der  Ausgleich  zwischen
Altem  und  Neuem  angebahnt  werden  sollte,  darüber  traten  alsbald  die
gegensätzlichsten  Meinungen  in  lautem,  oft  erbittertem  Streite  hervor,
einem  Streit,  der  mit  der  Feder  wie  auf  der  Rednerbühne,  von  Fachmännern
  und  Laien  geführt  wurde.  Aus  dem  allgemeinen  Gewirr,  in
welchem  vielfach  die  subjektivsten  und  willkürlichsten  Stimmen  durcheinander
  tönten,  traten  zwei  oder  besser  gesagt  drei  Richtungen  klar
und  herrschend  hervor.  Die  eine  ging  von  der  gegebenen  Scheidung
in  klassische  und  realistische  Bildung  aus  und  verlangte,  daß  jede  der
beiden  Schularten  ihren  Charakter  so  ausgeprägt  wie  möglich  wahren,
daß  vor  allem  das  Gymnasium  sich  nicht  zu  weiteren  Konzessionen
nach  der  modernen  Seite  hin  drängen  lassen  sollte.  \War  man  aber
hierüber  einig,  so  erhob  sich  nun  wieder  um  so  erbitterter  der  Streit
um  die  Frage  der  äußeren  Gleichberechtigung.  Hier  schieden  sich
die  Anhänger  der  gymnasialen  Bildung,  die  nach  wie  vor  den  Zutritt
zu  allen  höheren  Berufsarten  mit  Ausnahme  der  technischen  ausschließlich
  den  Gymonasialabiturienten  gewahrt  wissen  wollten,  von  den  Realschulmännern,
  welche  die  Gleichwertigkeit  beider  Bildungsarten  behaupteten
  und  hierauf  gestützt  auch  die  Gleichberechtigung  für  beide
Schulen  verlangten.  Beiden  streitenden  Parteien  gegenüber  erhob
sich  nun  eine  dritte:  diese  woilte  in  entschiedenerem  Gegensatz  zu
dem  Bestehenden  die  Doppelheit  der  Bildungswege  überhaupt  beseitigen
  und  an  ihre  Stelle  eine  Einheitsschule  setzen,  welche  die
wichtigsten  Bestandteile  beider  Wissenskreise  in  ihren  Lehrplan  aufnehmen
  und  die  einzig  staatlich  berechtigte  Unterrichtsanstalt  werden
sollte.  Wie  der  neuc  Lehrplan  im  einzelnen  eingerichtet  sein  sollte,
darüber  gingen  die  Meinungen  begreiflicherweise  weit  auseinander;
nur  soviel  trat  deutlich  hervor,  daß  die  „Unitarier  des  Schulwesens“,
wie  Paulsen  sie  nennt,  auf  keinen  wesentlicheren  Bestandteil  der  bisherigen
  Schulbildung  verzichten  wollten,  vielmehr  einen  möglichst
umfassenden  Kreis  von  lL.ehrstoffen  und  Fächern  zum  Gemeingut
aller  höheren  Schulen  zu  erheben  gedachten.  Sie  wiesen  darauf  hin,
daß  die  klassische  und  die  realistische  Bildung  nicht  sowohl  entgegenvesetzt
  seien,  als  sich  einander  ergänzten,  und  daß  beide  gerade  hierdurch
  am  besten  dem  gremeinsamen  Ziele  zuführen  könnten:  die
Schüler  zu  klassisch  gebildeten  und  doch  nationalgesinnten  und