78  l.ehrpläne  und  l.ehrbetrieb.

modern  gerichteten  Menschen  zu  machen,  die  einerseits  geschichtlich
und  ästhetisch  geschult  und  andererseits  doch  auf  die  praktischen
Aufgaben  der  Gegenwart  vorbereitet  und  gerichtet  seien.  Wenn  nun
auch  die  Anzahl  derer,  welche  auf  die  einheitliche  Form  für  das  gesamte
  höhere  Schulwesen  drangen,  verhältnismäßig  beschränkt  blicb,
so  gewann  um  so  weiteren  Anklang  das  Verlangen,  daß  die  Scheidung
der  Bildungswege,  da  sie  nun  einmal  unvermeidlich  schien,  wenigstens
möglichst  spät  eintreten  sollte.  Der  gemeinsame  Unterbau  für  die
gesamte  Schulbildung,  die  die  Volksschule  und  die  ihr  entsprechenden
Elementarschulen  bildeten,  sollte  weiter  hinaufgeführt  werden  und
mindestens  die  ersten  Schuljahre  hindurch  der  Lichrkursus  für  alle
Arten  von  Anstalten  derselbe  sein.  Dies  war  allerdings  nicht  erreichbar,
  solange  das  Lateinische  auf  Gymnasien  und  Realschulen  erster
Ordnung  die  erste  fremde  Sprache  bildete,  die  ın  den  Unterricht
eintrat,  während  es  auf  den  Lehrplänen  der  übrigen  realistischen  Anstalten
  nicht  vertreten  war.

Dies  sind  die  wichtigsten  der  gegensätzlichen  Stimmen,  die  aus
dem  allgemeinen  Schulkampfe  mit  Deutlichkeit  hervortreten.  Der
Streit  zwischen  ihnen  hat  nahezu  ein  Menschenalter  hin  und  her  gewogt
und  allmählich  alle  gebildeten  Stände  und  Klassen  in  das  Interesse
gezogren.  Erst  durch  die  Ereignisse  der  letzten  Jahre  ist  er  zu  ciner
Art  von  Abschluß  gekommen,  der  cine  gedeihliche  Weitcrentwicklung
unseres  Schulwesens  nach  einer  bestimmten  Richtung  hin  vorausschen
  läßt.

Die  erste  Etappe  in  diesem  Schulstreitc  bildete  die  Neuordnung
der  preußischen  l.chrpläne  im  Jahre  1882,  die  unter  dem  Ministerium
Goßiler  hauptsächlich  durch  Bonitz  durchgeführt  wurde.  Sie  erfüllte
weder  die  Forderung  der  Einheitsschule,  noch  führte  sie  auch  nur
den  gemeinsamen  Unterbau  durch,  und  doch  bewegte  sie  sich  deutlich
  in  einer  unitarıschen  Richtung.  Sie  ließ  die  vorhandenen  Schularten
  bestehen,  suchte  aber  die  Charakterunterschiede  nach  Möglichkeit
  auszugleichen:  einerscits  verstärkte  sie  auf  den  Gymnasien  Mathematik
  und  Naturwissenschaften  beträchtlich  und  vermehrte  auch  die
Stundenzahl  für  das  Französische,  beides  auf  Kosten  der  alten  Sprachen;
andererseits  erweiterte  sic  die  lateinischen  Studien  auf  den  Realschulen
erster  Ordnung.  Diese  erhielten  nun  sämtlich  die  Bezeichnung
Realgymnasien,  -—  auch  hierin  kommt  die  Tendenz  der  Neuordnungr
zum  Ausdruck,  -—  während  die  lateinlose  Realschule  zweiter  Ordnung
von  nun  an  Oberrealschule  hieß  und  der  Name  Realschule  allmählich
  auf  die  sechsklassige  höhere  Bürgerschule  übertragen  wurde.  Der