80  Lehrpläne  und  l.chrbetricb.

Gymnasialklassen  Mathematik  und  Naturwissenschaften  zusammen  die
gleiche  Stundenzahl  wie  das  Griechische  und  nur  zwei  Stunden  weniger
als  das  lateinische  erhielten.  Daß  die  Kräfte  der  Schüler  durch  diese
Anordnung  äußerlich  zersplittert  wurden,  war  schon  schlimm;  gefährlicher
  aber  war  es,  daß  ihre  Interessen  auch  innerlich  von  dem  abgelenkt
  wurden,  was  nun  ein  für  allemal  der  Mittelpunkt  der  klassischen
  Bildung  ist.  Es  zeigte  sich  alsbald,  daß  in  dem  Wettbewerbe
der  L.ehrfächer  die  Neigung  der  modernen  Jugend  sich  immer  stärker
und  entschiedener  den  realistischen  Fächern  zuncigte,  daß  sic  andererseits
  durch  die  neuere  Geschichte,  besonders  aber  durch  die  vaterländischen
  Dichtungen  weit  lebhafter  erweckt  wurde,  als  durch  die
Antike.  Mit  einem  Worte,  cs  zeigte  sich,  daß  das  Altertum  der  deutschen
Jugend  nicht  mehr  dasselbe  bedeutete,  wie  ihren  Vätern  und  Vorvätern.
  Es  ist  klar,  daß  die  Schuld  an  diesem  \andel  nicht  nur  an
einer  verfehlten  Schulordnung  lag,  sondern  daß  derselbe  tiefer  im
Geiste  der  Jugend  und  des  Zeitalters  überhaupt  begründet  war.  Durch
die  Folgen  der  Schulreform  trat  nur  zutage,  was  sich  im  stillen  bereits
seit  einem  Jahrzehnt  entwickelt  hatte;  eben  jener  moderne,  nationale
Geist,  der  durch  die  Ereignisse  des  großen  Krieges  und  die  Aufrichtung
  des  Deutschen  Reiches  entfesselt  und  erstarkt  war,  hatte
ganz  naturgemäß  auch  die  Gemüter  der  Jugend  ergriffen,  er
bestinnmte  ihre  Interessen  und  zog  sie  von  der  Betrachtung  einer
längst  vergangenen  Epoche  ab,  näher  liegenden  Gegenständen  und
unmittelbaren  Eindrücken  zu.  Das  Studium  des  Altertums  hatte  aufgchört
  eine  belebende  Quelle  für  den  Geist  und  die  Gesinnung
unserer  Knaben  und  Jünglinge  zu  sein;  es  blieb  ihnen  im  besten
Falle  etwas  äußerlich  Aufgenommenes,  höchstens,  daß  ein  oder  der
andere  Dichter  des  Altertums  ästhetisch  veranlagten  Schülern  ein
Interesse  abgewann,  das  selten  in  die  Tiefe  ging,  oder  daß  die  suggestive
  Kraft  eines  außergewöhnlichen  Lehrers  seine  Schüler  vorübergehend
  für  den  Geist  des  Griechentums  zu  erwärmen  vermochte.  In
den  meisten  Fällen  wurde  die  Notwendigkeit,  sich  mit  dem  Altertum
zu  beschäftigen,  von  der  heranwachsenden  Jugend  der  oberen  Klassen
als  ein  unerwünschter  und  unnatürlicher  Druck  empfunden.*)

*)  Dies  ist  freilich  in  Norddeutschland  früher  und  stärker  hervorgetreten,  als  in  den
süldeutschen  Staaten,  wo  die  nationale  und  moderne  Richtung  nicht  so  ausschließlich
Besitz  von  den  Geistern  ergriff,  und  auch  in  Preußen  selbst  haben  einige  Schulen,  die  sich
auf  eine  besonders  feste  Tradition  stützten,  mit  mehr  Erfolg  als  die  übrigen  Jen  Geist
des  humanistischen  Gymnasiums  aufrecht  erhalten  können,  so  z.  B.  die  alte  Fürstenschule
Schulpforta  und  längere  Zeit  auch  das  Joachimnsthalsche  Gymnasium  in  Berlin.  Allmählich
aber  hat  der  Wandel  der  Anschauungen  sich  auch  hier  durchgesetzt.