Geschichtlicher  Rückblick.  35

solche  Teilung  nicht  entsprechen,  und  sie  hat  zweifellos  zur  inneren
Desorganisation  des  humanistischen  Gymnasiums  noch  ein  weiteres
Moment  beigetragen.  Als  ganz  besonders  hemmend  und  nachteilig
erwies  sich  die  Abschlußprüfung,  die  um  die  Übereinstimmung  mit
der  Realschule  herzustellen,  hinter  das  sechste  Schuljahr  gelegt  wurde;
sie  ist  denn  auch  bei  der  letzten  Neuordnung  wieder  in  Wegfall
gekomnien.

Der  Idee  des  gemeinsamen  Unterbaus  zeigte  sich  die  Behörde
überhaupt  geneigt.  Diese  Forderung  hatte,  wie  wir  gesehen  haben,
nur  für  die  drei  unteren  Klassen  der  Gymnasien  und  Realgymnasien
durchgeführt  werden  können;  die  latemlose  Schule  mußte  unberücksichtigt
  bleiben,  solange  jene  beiden  Anstalten  das  Lateinische  als
erste  Fremdsprache  trieben.  Nur  dann  war  der  Gedanke  für  alle
Schularten  durchzuführen,  wenn  an  Stelle  des  lateinischen  das
Französische  zuerst  in  den  Lehrplan  trat.  Diese  Forderung  an  sich
ist  alt;  sie  ist  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  immer  wieder  gelegentlich
aufgetaucht,  aber  immer  entschiedener  hatten  die  Vertreter  der
klassischen  Bildung  sie  abgelehnt.  Der  Verlust  dreier  Schuljahre  und
gerade  der  ersten  drei,  die  für  die  formale  Bildung  die  eigentlich
grundlegenden  sind,  erschien  ihnen  unersetzlich.  Noch  auf  der
Dezemberkonferenz  von  18%  war  das  hervorgetreten.  Gleichwohl
hatten  die  Gegner  nicht  umhin  gekonnt,  wenigstens  für  das  Realgymnasium
  die  Hinaufschiebung  des  Lateinischen  und  damit  die
Gleichheit  des  I.chrplans  mit  den  der  drei  unteren  Klassen  der  lateinlosen
  Anstalten  als  einen  berechtigten  Versuch  gelten  zu  lassen.
Ein  solcher  Versuch  war  bereits  seit  dem  Jahre  1878  durch  den
Direktor  Schlee  an  der  Altonaer  Realanstalt  gemacht  und  hatte  zu
Erfolgen  geführt,  die  auch  von  seiten  der  Behörde  anerkannt  wurden.
Bald  nach  der  Dezemberkonferenz  wurde  nun  im  Finvernehmen  mit
der  obersten  Leitung  des  preußischen  Schulwesens  in  Frankfurt  a.  M.
der  gleiche  Versuch  für  das  humanistische  Gymnasium  angebahnt
und  führte  unter  l.citung  des  Direktor  Reinhardt  rasch  zu  ähnlichen
F.rfolssen.

Alles  in  allem  genommen  wird  man  Paulsens  Urteil  über  die
Neuordnung  unterschreiben  müssen:*)  „Man  kann  die  Reform  von  1892
im  ganzen  ohne  Zweifel  als  einen  ernsthaft  gemeinten  Versuch  ansehen,
das  höhere  Schulwesen  den  wirklichen  Bildungsbedürfnissen  der
Gegenwart  anzupassen.  Als  solcher  verdient  sie  Anerkennung,  auch

*)  Geschichte  des  gelehrten  Unterrichts  II,  609.