94  Lehrpläne  und  l.chrbetrieb.

Gefahren  vermeidet  und  eine  sichere  Gewähr  für  eine  organische
Weiterentwicklung  cröffnet.  Die  Verschiedenheit  der  Bildungsanstalten
  ist  bestehen  geblieben  und  durch  die  Gleichberechtigung
gesichert.  Aber  die  Behörde  hat  andererseits  um  so  mehr  Gewicht
auf  die  Anforderungen  gelegt,  die  sie  an  die  verschiedenen  Schularten
gleichmäßig  stellt  und  die  wir  daher  als  die  gemeinsanie  und  allgemeine
Grundlage  der  Schulerziehung  zu  betrachten  haben.

Diese  Grundlagen  sind  nun  keineswegs  ausschließlich  didaktischer
Natur.  Die  Einheitlichkeit  eines  nationalen  Unterrichtswesens  beruht
nicht  bloß  auf  der  Übereinstimmung  der  einzelnen  L.ehrziele  oder  auf
der  Gleichheit  der  Lchrstoffe;  weit  wichtiger  und  wesentlicher  ist  die
Einhceitlichkeit  des  Geistes,  der  das  Ganze  durchdringt  und  der  sich
an  den  verschiedensten  Unterrichtsstoffen  und  in  den  verschiedensten
Schulformen  gleichmäßig  betätigt.  Die  allgemeinen  Werturteile,  die
der  Erziehung  und  mithin  auch  der  Schule  ihre  Ziele  bestinnien,  der
Charakter  der  Schulzucht  und  die  Methoden  des  Unterrichts,  die
diesen  Werturteilen  und  Zielen  entsprechen:  die  sind  es,  woraus  allein
die  innere  Einheit  des  Bildungswesens  und  der  nationalen  Erziehung
hervorgehen  kann.  Ob  ein  Volk  mehr  auf  Charakterbildung  oder  ob
es  mehr  auf  intellektuchle  Schulung,  ob  es  auf  körperliche  Ausbildung
oder  nur  auf  die  geistige  Wert  legt,  darauf  kommt  es  mehr  an  als
auf  die  Frage:  Griechisch  oder  Englisch?  Mit  einem  Worte:  es  ist
michr  der  Geist  als  der  Stoff,  auf  dem  die  Einheitlichkeit  der  Schulbildung
  wie  der  Erzichung  überhaupt  beruht.

Wenn  wir  unter  diesen  Gesichtspunkten  den  Geist  betrachten,
dem  dic  letzten  Ereignisse  in  unserem  Schulwesen  die  Wegre  gebahnt
haben,  und  der  wenn  auch  noch  nicht  unumschränkt  herrschend,  so
doch  im  entschiedenen  Vordringen  begriffen  ist,  so  wird  man  sagen
müssen,  daß  es  ein  moderner  und  zugleich  ein  nationaler  Charakter
ist,  der  uns  hier  entwegentritt.

Fin  moderner  Charakter  zeigt  sich  zunächst  in  der  Schulordnung
und  der  Schulzucht.  Der  Geist  derselben  ist  freier  geworden,  minder
engr  und  ängstlich,  als  er  cs  noch  vor  wenigen  Jahrzehnten,  freilich  sehr
im  Widerspruch  mit  den  theoretischen  Idealen  des  Neuhumanismus,  tatsächlich
  war.  Freier,  das  heißt  allerdings  nicht  lockerer  und  loser:  Gehorsam
  und  Unterordnung  bleiben  nach  deutschen  Begriffen  und  zumal
nach  preußischer  Tradition  die  Grundlage  aller  Erziehung  und  ganz  besonders
  auch  des  Schulwesens.  Allein  dieser  Grundsatz  braucht  nicht
mit  kleinlicher  Enssherzigkeit  zur  Geltung  gebracht  zu  werden.  Wenn
von  allen  Schülern  gleichmäßsig  noch  entschiedener  als  Fleiß  und  Auf-