Der  allgemeine  Charakter  der  heutigen  Schulerziehung.  95

merksamkeit  Bescheidenheit  und  Selbstbeherrschung  gefordert  werden,
so  braucht  der  Ton,  der  im  Verkehr  zwischen  Lehrern  und  Schülern
herrscht,  darum  weder  ein  klösterlicher,  noch  ein  soldatischer  zu  sein.
Bescheidenheit  schließt  Freimut  cbenso  wenig  aus,  wie  die  strafle
Haltung,  die  während  des  Unterrichts  gefordert  wird,  cs  ausschließt,
daß  dem  Schüler  namentlich  außerhalb  der  Schulstunden  ein  gewisses
Maß  von  Freiheit  gelassen  wird.  Auch  eine  feste  Schulordnung  läßt
dem  Lehrer  gleichwohl  die  Möglichkeit,  auf  die  Individualität  seiner
Schüler  nach  Charakter  und  Begabung  verständnisvoll  cinzugchen.
Ja,  gerade  ein  solches  Eingehen  dient  dazu,  die  Disziplin  zu  verinnerlichen
  und  wahrhaft  erzieherisch  zu  gestalten;  denn  der  Schüler  gehorcht
  dem  grern,  von  dem  er  fühlt,  daß  er  verstanden  wird.  Schr
treffend  spricht  A.  Matthias*)  über  den  Ausgleich  von  Disziplin  und
Individualismus:  „Man  hat  wohl  geklagt,  daß  unsere  Schulen  mit
ihrer  großen  Schülerzahl,  mit  ihren  bestimmten  l.ehrzielen  und  ihrer
strengen  Zucht  dem  individuellen  Lchrbetriebe  verhältnismäßig  wenig
Raum  gewähren  und  dieIndividualität  derSchüler  beengen  undschädigen;
man  hat  aber  dabei  vergessen,  daß  jener  Schaden,  wenn  er  wirklich
bemerkenswert  sein  sollte,  ausgeglichen  wird  durch  die  Verschärfung
des  jugendlichen  Pflichtgefühls,  durch  die  zuchtvolle  Forderung  von
Gesamtleistungen  und  durch  die  Pflicht  des  Zusammennehmens  im
Interesse  eines  Gesamtlerngebietes.  Man  beachtet  ferner  nicht,  daß
diese  Schule  dem  falschen  Individualismus,  dem  leichtfertigen  Verwöhnen,
  dem  Gehen  und  Gewährenlassen  des  Hauses  doch  cinen
schätzenswerten  Damm  entgegenstellt,  ohne  den  die  heutige  Gescllschaft,
  wenn  sie  in  der  Erzichung  allen  ihren  Neigungen  frönen  dürfte,
doch  bald  aus  Rand  und  Band  kommen  könnte.  Der  kategorische
Impcrativ,  der  den  Knaben  treibt  zu  lernen,  was  er  lernen  soll  und
ihn  zwingt  sich  so  zu  betragen,  wie  er  sich  betragen  soll,  übt  seine
Wirkung  auch  auf  die  Pflichttreue  unserer  Zeit  aus;  eine  zu  starke
Pflege  der  Individualität  würde  gerade  in  unseren  Tagen  das  bedenklichste
  Geschenk  sein,  was  wir  der  Jugend  für  ihre  Zukunft  mit  auf
ihren  Lebensweg  geben  könnten.“  —  Ist  Matthias  auf  diese  Weise  der
Bedeutung  der  Gesamtzucht  gerecht  geworden,  so  hebt  er  nun  auch

*)  Kine  der  leitenden  Persönlichkeiten  im  preußischen  Unterrichtsministerium  und
zugleich  cin  namhafter  pädagogischer  Schriftsteller.  Über  die  Auffassung  von  Schulerzichung,
  die  heut  in  den  maßgebenden  Kreisen  herrscht,  unterrichtet  man  sich  am
besten  aus  seiner  „Praktischen  Pädagogik  für  höhere  Lehranstalen“  2,  Aufl.  München  1903,
welcheın  Werke  die  obigen  Worte  entnommen  sind.  Auch  das  bereits  angefüihrte  Buch
„Erziehung  und  Frzieher“  von  Rudolf  Lehmann  kommt  hier  in  Betracht.  Eine  lehrreiche
  systematische  Übersicht  gibt  W.  Münchs  „Geist  des  l.chramts“,  Berlin  1903.