104  Lehrpläne  und  Lehrbetrich.

Die  Realschulen  haben  einen  doppelten  Zweck  zu  erfüllen.  Der
erste  und  wichtigste  ist  der,  das  Bedürfnis  des  Mittelstandes  nach
einer  praktischen  und  zugleich  wenigstens  in  gewissem  Sinne  greschlossecnen
  Bildung  zu  befriedigen.  In  gewissem  Sinne  muß  man
sagen,  denn  von  einem  eigentlichen  Abschluß  der  Bildung  kann  nach
sechs,  oder  die  Elementarklassen  miteingerechnet,  neun  Schujjahren
nicht  wohl  die  Rede  sein.  Immerhin  aber  vermag  ein  solcher  Kursus
einen  Kreis  von  Kenntnissen  zu  vermitteln,  welcher  eine  praktisch
nützliche  Vorbildung  für  die  Tätigkeit  des  Kaufmanns,  des  Technikers
  und  des  kleinen  Beamten  gibt  und  zugleich  in  einem  allgemeineren
  Sinne  die  Geisteskraft  der  Schüler  entwickelt  und  ihnen
wenigstens  einen  Ausblick  auf  größere  Wissenskreise,  soweit  sie  als
Gemeingut  moderner  Bildung  in  Betracht  kommen,  eröffnet.  \Was
man  von  dem  gebildeten  Mann  des  praktischen  L.cbens  verlangen
muß,  ist  einmal  Sicherheit  im  Gebrauche  der  Muttersprache,  Kenntnis
und  Verständnis  der  wichtigsten  Literaturwerke  und  der  wesentlichsten
Züge  der  Geschichte  unseres  Väaterlandes;  es  sind  ferner  die  Grundlagen
  ciner  mathematisch  naturwissenschaftlichen  Bildung  und  endlich
eine  wesentlich  praktisch  gerichtete  Kenntnis  der  wichtigsten  modernen
Fremdsprachen.  Indem  nun  aber  die  Realschule  diese  Gegenstände
mit  ihrem  I.chrplan  umfafst,  erfüllt  sie  zugleich  cine  zweite  Aufgabe:
sie  wird  zur  Vorstufe  der  oberen  Klassen  der  Vollanstalten,  die  für
den  Besuch  der  Universität  vorbereiten,  und  sie  vermittelt  somit  recht
eigentlich  zwischen  der  Bildung  des  Mittelstandes  und  der  der
akademischen  Kreise.  Jedem  begabten  Schüler  ist  es  auf  diese  Weise
möglich,  nach  Absolvierung  des  sechsten  Schuljahres,  bis  zum
‚\biturientenexamen  weiterzugchen  und  sich  damit  den  Weg  zur  Hochschule
  zu  eröffnen.  „In  der  heutigen  lateinlosen  Realschule,“  sagt
Halfmann,  Reform  der  höheren  Schule  S.  3062,  „deren  Zöglingen
nach  ihrem  L.ehrplane  die  Möglichkeit  gegeben  ist,  ihre  Allgemeinbildung
  durch  den  Übergang  in  die  Oberrealschule  weiter  fortzusetzen,
  haben  die  weiteren  Bevölkerungsklassen  des  Mittelstandes
endlich  die  Schulart  erhalten,  die  nach  I.chrplan  und  Prüfungsordnung
allen  Anforderungen  entspricht,  die  man  bei  heutigen  Übergangsverhältnissen
  unseres  höheren  Schulwesens  billigerweise  stellen  kann.“

Freilich  ist  es  bisher  ausschließlich  die  lateinlose  Oberrealschule,
an  welche  die  sechsklassige  Realschule  einen  unmittelbaren  Anschlut
findet.  Der  l.ehrplan  der  ersteren  stimmt  für  die  ersten  6  Schuljahre
mit  dem  Lehrgang  der  letzteren,  wie  er  sich  an  den  meisten  Orten
gestaltet  hat,  überein.  Da  nun  die  Oberrealschule,  bis  auf  einige