108  Lehrpläne  und  Lehrbetrteb.

die  Schüler,  was  das  Verständnis  der  Schriftsteller  betrifit,  im  wesentlichen
  auf  dem  Standpunkt  der  nach  dem  allgemeinen  l.chrplane
vorgebildeten;  die  Lektüre  kann  nun  umso  rüstiger  vorwärtsschreiten,
  als  eine  größere  Stundenzahl  zur  Verfügung  steht.“  Das
Verständnis  der  Lektüre  aber  bildet,  wie  wir  im  folgenden  Abschnitte
noch  des  näheren  schen  werden,  den  Hauptgesichtspunkt  des  heutigen
Lateinunterrichts,  und  mit  Recht  weist  Reinhardt  auf  den  Unterschied
hin,  der  hieraus  für  die  Stellung  des  Lateinischen  im  L.chrplane  des
Gymnasiums  folgt:  „Bis  in  das  19.  Jahrhundert  hinein  war  das  Lateinische
  die  Sprache  der  Wissenschaft  und  wurde  zum  Teil  auch
deshalb  gelehrt,  weil  es  ein  internationales  Verständigungsmittel  der
Gelchrtenwelt  bildete.  Diesem  Endzweck  war  die  Methode  angepaßt:
der  Knabe  mußte  frühzeitig  in  die  Sprache  eingeführt  werden.  Er
mußte  lernen,  sich  mündlich  und  schriftlich  in  ihr  auszudrücken  und
sich  ihrer  bis  zu  einem  gewissen  Grade  bemächtigen.  In  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  hat  das  lateinische  diese  Stellung  verloren.
  Die  Absicht  dieses  Unterrichts  in  der  jetzigen  Zeit  ist,  die
Schüler  zum  Verständnis  der  bedeutenden  Werke  der  tateinischen
Literatur  zu  befähigen  und  zugleich  in  der  straffen  Zucht  einer  so
festgefügten  Sprache  ihr  Denk-  und  Sprachvermögen  zu  bilden.
Nach  diesem  Zweck  richtet  sich  nunmehr  auch  die  l.chrmethode:
der  Wortschatz,  mit  dem  der  Schüler  vom  Beginn  des  Unterrichts  an
bekannt  gemacht  wird,  ist  den  Schriftstellern  entnommen,  die  er
später  lesen  wird;  der  L.chrgang  ist  von  vornherein  auf  grammatisches
und  logisches  Verständnis  gerichtet.  Es  ist  einleuchtend,  daß  eine
solche  L.chrart  bei  12—13jährigen  Knaben  besonders  fruchtbar
wirken  und  schneller  zum  Ziele  führen  muß.“  Wenn  sich  nun  aber
gegen  die  Verkürzung  der  Zeit,  die  dem  Griechischen  zugemessen
ist,  mit  besonderer  Frbitterung  die  Stimmen  der  Vertreter  des  Alten
erheben,  so  fällt  hier  das  Urteil  eines  Mannes  wie  U.  von  Wilamowitz
seradezu  entscheidend  als  Gegengewicht  in  die  Wagschale.  Er  zeigt
in  einer  Abhandlung,  auf  die  wir  später  noch  genauer  eingehen
werden,*)  wie  ganz  unabhängig  von  äußeren  Fragen  rein  sachliche
Rücksichten  dazu  führen,  den  Beginn  des  griechischen  Unterrichts
um  zwei  Jahre  hinauszuschieben  und  das  durch  intensiveren  Betrieb
in  den  letzten  vier  Jahren  zu  kompensieren,  wie  es  auf  den  Reformgeymnasien
  geschicht.  „Wer  sich  davon  überzeugt  hat,  daß  der  Gehalt
der  griechischen  Bücher  es  ist,  um  dessenwillen  man  sie  lesen  soll,

*,  Die  Reform  des  höheren  Schulwesens,  8.  1069.