122  l.chrpläne  und  Lehrbetrieb.

wenigstens  einen  Teil  der  früheren  höher  gesteckten  Ziele  und  Gesichtspunkte
  mit  Erfolg  zu  wahren.  Allein  es  kann  nicht  zweifelhaft
scin,  welchen  Weg  die  künftige  Entwicklung  führen  wird.  Die  Schulbehörde
  hat,  in  Preußen  wenigstens  und  den  übrigen  nord-  und  mitteldeutschen
  Staaten,  entschlossen  mit  der  alten  Auffassung  des  lateinischen
Unterrichts,  wie  sie  das  neuhumanistische  Gymnastun  des  19,  Jahrhunderts
  beherrschten,  gebrochen  und  in  den  letzten  I.chrplänen  die  veränderte
  Zielsetzung  durchgeführt,  die  bereits  1892,  wenn  auch  weniger
klar  und  entschieden,  angebahnt  worden  war.  Freilich  hat  sie  die  alten
Formen,  in  denen  der  Sprachunterricht  sich  zu  bewegen  pflegte,  geschont,
  sie  hat  dieselben  nur  eingeschränkt,  nicht  weggeräuntt,  und  cs
wäre  vielleicht  cine  schnellere  praktische  Durchführung  der  neuen
Gesichtspunkte  erreicht,  wenn  sie  in  ihren  methodischen  Vorschriften
radikaler  vorgegangen  wäre.  Immerhin  hat  sie  darüber  keinen
Zweifel  gelassen,  daß  sie  auch  die  überlieferten  Formen  neuen  Gesichtspunkten
  dienstbar  machen  will.  Diese  Gesichtspunkte  aber  sind
so  notwendig  und  entschieden  in  der  Gesamtentwicklung  unserer
deutschen  Bildung  und  in  dem  veränderten  Bedürfnisse  der  Gegrenwart
  begründet,  daß  sie  sich  zweifellos  durchsetzen  werden,  auch  in
dem  Schulwesen  derjenigen  Staaten,  die  sich  ihnen  heute  noch  verschließen.


Das  erste  und  wesentliche  Kennzeichen  dieses  neuen  Geistes  ist,
daß  der  lateinische  Unterricht  das  alte  Ideal  der  formalen  Bildung,
welches  grammatisch-logisches  Verständnis  und  rhetorisches  Können  als
Selbstzweck  ansah,  aufgegeben  hat.  Zwar  eine  gründlich  grammatische
Schulung  fordern  die  J.ehrpläne  auch  jetzt  noch,  aber  dieselbe  erscheint
wesentlich,  wenn  nicht  ausschließlich  als  Mittel,  um  zu  einen  sicheren
Verständnis  der  Schriftstellerlektüre  zu  gelangen.  Nach  Umfang  und
Methode  wird  der  Betrieb  der  Grammatik  bierdurch  bestimnit  und
beschränkt.  Die  Auswahl  an  Vokabeln  und  grammatischen  Regeln
wird  überall  durch  das  Bedürfnis  der  Lektüre  begrenzt;  sie  soll  auf
das  wichtieste,  „dat  heifst  auf  das  häufig  vorkommende  und  charakteristische"
  beschränkt  werden,  und  es  ist  eine  sorgfältige  Scheidung  vorgeschrieben
  zwischen  dem,  was  der  Schüler  sich  zu  festem  Besitze  aneienen
  und  dem,  was  ihm  nur  gelegentlich  bei  der  I.ektüre  erklärt
werden  soll.  Der  Gesamtunfang  des  grammatischen  und  des  rhetorisch-stilistischen
  Pensums  an  dem  heutigen  humanistischen  Gymnasium
  greht  nicht  wesentlich  über  das  hinaus,  was  nach  der  Bonitzschen
  Schulordnung  in  den  80er  Jahren  das  Realgymnasıum  zu  leisten
hatte,  und  zwischen  dem  Lehrziele  der  beiden  Anstalten  erscheint