Die  einzelnen  Unterrichtsfächer.  123

Das  System  der  häuslichen  Präparationen  ist  --  vom  pädagogischen
  Standpunkt  aus  wird  das  mancher  bedauern  —  nicht  aufgegeben,
aber  doch  wenigstens  eingeschränkt.  Die  Anleitung  zu  dieser  Art
von  Arbeiten  soll  in  der  Klasse  erteilt,  daneben  soll  die  unvorbereitete
l.cktüre  auf  allen  Stufen  gepflegt  werden.

Die  Verwertung  von  künstlerisch  wertvollen  Anschauungsmitteln,
wie  sie  in  Nachbildungen  antiker  Kunstwerke  und  in  sonstigen  Darstellungen
  antiken  Lebens  reichlich  vorliegen,  wird  empfohlen.  Die
Betrachtung  und  Besprechung  der  Anschauungsmittel  soll  aber  nicht
Selbstzweck  werden.  Das  Archäologische  und  Antiquarische  bleibt
also  auf  unseren  Gymnasien  immer  nur  Hilfsmittel  und  wird  nirgends
mehr  —  wie  das  früher  z.  B.  in  Württemberg  der  Fall  war  -—  eigentlicher
  Gegenstand  des  Unterrichts.

In  der  Auswahl  der  Lektüre  zeigt  sich  noch  verhältnismäßig
deutlich  die  Nachwirkung  der  früheren  Herrschaft  formal  rhetorischer
Gesichtspunkte,  denn  sie  ist  beschränkt  geblieben  durch  die  sprachlich
  stilistischen  Rücksichten,  an  die  sich  die  Vertreter  des  Neuhumanismus,
  wie  die  Humanisten  des  15.  und  16.  Jahrhunderts  banden:
da  die  I.ektüre  der  Ausbildung  des  Stiles  dienen  sollte,  so  durften
nur  Schriftsteller  gelesen  werden,  die  ein  mustergültiges  L.atein,  d.h.
also  die  Sprache  des  Jahrhunderts  von  70  vor  bis  30  n.  Chr.  Geburt
schrieben.  Auch  auf  dem  heutigen  Gymnasium  ist  die  Auswahl  der
l.cktüre  mehr  durch  diese  geschichtliche  Tradition  als  durch  sachliche
Gründe  bestimmt.  Namentlich  auf  dem  Realgymnasium  sind  die
Schranken  so  eng  wie  möglich  gezogen.  Drei  Jahre  hintereinander,
von  Untertertia  bis  Untersekunda,  wird  hier  von  Prosaikern  nur  Cäsar
‚selesen,  Ja,  die  Lehrordnung  hält  es  für  nötig  davor  zu  warnen,  daß
diese  Lektüre  nicht  noch  länger  ausgedehnt  werde.  In  Untersekunda
erscheint  daneben  cine  planmäfsige  Auswahl  von  Ovids  Metamorphosen,
  aber  erst  in  der  Obersekunda  darf  Cäsar  durch  ausgewählte
„\bschnitte  aus  Curtius  oder  Livius  oder  durch  eine  leichtere  Rede  von
Cicero  abgelöst  werden,  und  die  Prima  bringt  neben  der  Fortsetzung
dieser  letzteren  Lektüre  Stellen  aus  Virgils  Äneide,  sodann  auch
leichtere  Oden  des  Horaz  und  Abschnitte  aus  Tacıtus,  Germania.
Denn  humanistischen  Gymnasium  ist  freilich  ein  weiterer  Kreis  gezogen;
  auch  ist  ihm  im  einzelnen  mehr  Auswahl  gelassen.  Allein
die  Dichter  bleiben  auch  hier  auf  die  altbewährte  Dreiheit  beschränkt;
Catull  und  die  Fllegiker  sind  dem  Primaner  ebenso  verschlossen  wie
Plautus  und  Terenz;  Cäsar  bildet  auch  hier  neben  den  Metamorphosen
  zwei  Jahre  lang  die  einzige  l.cktüre.  Im  Verhältnis  zu  dem