Die  einzelnen  Unterrichtsfacher.  129

Außenforts  mit  allem,  was  dazu  gerechnet  werden  kann,  aufregeben,
um  das  Zentrum  zu  behaupten.

Die  allmähliche  Einschränkung  des  Lichrziels  springt  in  die
Augen,  wenn  man  die  Bestimmungen  der  Lehrpläne  von  1882  und
1802  mit  den  oben  abgedruckten,  jetzt  geltenden  vergleicht.  1882
war  vorgeschrieben  „eine  nach  dem  Mafse  der  verfügbaren  Zeit  umfassende
  l.cktüre  des  bedeutendsten  aus  der  klassischen  poetischen
und  prosaischen  Literatur,  welche  gecignet  ist,  einen  bleibenden
Eindruck  von  dem  Werte  der  griechischen  Literatur  und  von  ihrem
Einflusse  auf  die  Entwicklung  der  modernen  Literatur  zu  hinterlassen".
1892  wird  schlechtweg  „Verständnis  der  bedeutenderen  klassischen
Schriftsteller  der  Griechen“  verlangt,  und  jetzt  ist,  wie  wir  oben
sesehen  haben,  diese  Forderung  auf  „einige  besonders  hervorragende
Literaturwerke“  beschränkt.  Das  ist  vielleicht  immerhin  noch  genug,
um  den  Aufwand  von  Zeit  und  Kraft  zu  rechtfertigen,  den  der  Unterricht
  erfordert,  aber  freilich  nur  für  denjenigen,  der  überzeugt  davon
ist,  daß  diese  Werke  das  absolut  Höchste  darstellen,  was  die  Weltliteratur
hervorgebracht  hat,  und  dafß  die  Bekanntschaft  mit  ihnen  tatsächlich  unersetzbar
  ist.  Aber  dieser  Glaube,  die  eigentliche  Stütze  des  humanistischen
  Gymnasiums,  ist  ins  Wanken  gekommen.  Gerade  die  Wissenschaft
vom  Griechentum  hat  ihn  zerstört.  Von  hohem  Interesse  ist  die
Stellung,  die  der  vornehmste  Vertreter  dieser  Wissenschaft,  von
Wilamowitz-Möllendorf,  zu  dieser  Frage  einnimmt.  Tr  hat  dieselbe
in  einen  tberaus  inhaltreichen  und  tiefgreifenden  Kapitel  des  Reformwerkes
  zum  Ausdruck  gebracht.  „Wenn  die  Wertschätzung  des
Hellenentums“,  sagt  er  dort,  „am  Klassizismus  hinge,  so  wäre  es
gefallen  und  wären  seine  Tage  als  Unterrichtsgegenstand  gezählt.
Die  Schule  wollte  immer  noch  das  Griechische  in  demselben  Sinne
lehren,  wie  vor  I00  Jahren,  und  immer  noch  dasselbe  Griechentun
zeigen.  ‚Aber  der  Gegenwart  genügen  weder  die  Ideale  des
Künstlerisch-Schönen  jener  Zeit:  die  Nachahmung  der  Griechen  hat
sich  als  ein  falscher  Weg  herausgestellt;  noch  ihre  Ideale  vom
Sittlich-Schönen:  die  Gesellschaft  gestattet  dem  einzelnen  den  humanen
Individualismus  nicht  mehr.  Und  jenes  Griechentum  in  seiner
olympischen  Vollkommenheit  ist  ebenso  dahin  wie  in  seiner  Einheit.
Die  seschichtliche  Wissenschaft  hat  es  zerstört,  indem  sie  die  Griechen
wirklich  erst  verstehen  lehrte.  Statt  der  Einheit  hat  sie  eine  kontinuierliche
  Entwicklung  gezeigt,  und  wenn  die  Bewunderung  des  Epos,
der  Tragödie  und  der  Philosophie  der  Griechen  auch  nur  wächst,  je
besser  sie  verstanden  werden,  so  sind  sie  doch  griechisch,  gebunden,

Das  Unterrichtiswesen  im  Deutschen  Reich.  Il,  1)