152  l.ehrpläne  und  L.ehrbetrieb.

hteratur  für  den,  der  das  Geistesleben  seiner  Zeit  miterleben  will,  das
Bedürfnis  immer  dringender  geworden,  die  drei  wichtigsten  unter
den  modernen  \Weltsprachen  zu  beherrschen.  In  allen  Ländern  hat
sich  dieses  Bedürfnis  Geltung  verschafft,  und  so  ist  denn  auch  bei  uns
in  den  letzten  20  Jahren  auf  dem  Gebiete  des  neusprachlichen  Unterrichts
  eine  umfassende  und  tiefgreifende  Bewegung  entstanden,  die
rasch  zu  bedeutenden  HKrgebnissen  geführt  hat.  Die  Bezeichnung
Reform,  die  man  ihr  gewöhnlich  beilesgst,  ist  fast  zu  bescheiden;
handelt  es  sich  doch  um  eine  vollständige  Neubegründung  dieses
Unterrichtsfaches:  neue  umfassende  l.chrziele  sind  aufgestellt  und
neue  Methoden,  die  ihnen  dienen  sollen,  durchdacht  und  erprobt
worden.  Auf  keinem  anderen  Gebiete  des  Gymmnastalunterrichts
herrscht  zurzeit  ein  so  reges  Leben  wie  hier,  und  wenn  auch  begreiflicherweise
  die  Meinungen  nicht  in  allen  Punkten  übereinstimmen,
wenn  auch  über  das  Mehr  oder  Weniger  des  Neuen  und  über  die
Grenzen  des  Erreichbaren  und  Anzustrebenden  mancher  Streit  entstanden
  und  in  Feder  oder  Wort  ausgetragen  ist,  so  ist  doch  über
die  wesentlichen  Fragen  in  den  letzten  Jahren  immer  deutlichere
Übereinstimmung  hervorgetreten.

Die  treflfendste  Zusammenfassung  der  hohen  Ziele,  die  heute  dem
neusprachlichen  Unterricht  vorschweben,  hat  St.  Weaetzoldt  1892
in  cinem  Vortrag  auf  dem  Berliner  Neuphilologentag  gegeben:
Kenntnis  und  Verständnis  fremder  Kultur,  wodurch  der  Neuphilologe
zum  Kenner  und  Deuter  eines  mitstrebenden  Volkes,  seines  Landes,
seiner  Geschichte,  seines  Geistes,  Vermittler  des  V'ölkerverständnisses
und  damit  des  Völkerfriedens  wird.

Die  neuere  ausländische  Literatur  hat  sich,  nicht  anders  wie  die
deutsche  selber,  gegenüber  der  emscitigen  Wertung  der  Antike  die
Anerkennung  ihrer  Bedeutung  und  damit  Licht  und  Luft  in  unserem
Schulwesen  erst  erkämpfen  müssen.  Ähnlich  wie  in  den  deutschen
Stunden  haben  in  den  französischen  und  englischen  Jahrzehnte  lang
die  Meisterwerke  der  Literatur  kaum  einen  untergeordneten  Platz
und  grelegentliche  Berücksichtigung  gefunden;  und  wieder  wie  im
Deutschen  konnte  sich  erst  von  dem  Augenblick  an,  wo  die  Literatur
in  den  Mittelpunkt  trat,  der  Unterricht  zu  erzieherischer  Bedeutung
entfalten.  Freilich  handelt  es  sich  hier  nicht,  wie  dort,  um  die  klassische
Dichtungr:  gerade  in  die  moderne,  ja  in  die  lebende  Literatur  einzuführen,
  wird  als  eine  der  Hauptaufgaben  des  neusprachlichen  Unterrichts
  betrachtet.  Denn  das  l.chrziel  geht  über  den  LIoß  literarischen
Gesichtspunkt  hinaus.  Die  Kultur  selbst,  das  geistige  Leben  der  großen