140  Lehrpläne  und  Tehrbetricb.

gesehen.  Aber  es  findet  hier  weder  in  analytischer  noch  in  sogenannter
  neuerer  Geometrie  ein  eigentlich  systematischer  Unterricht
  statt;  ebensowenig  wird  zum  Verständnis  der  mathematischen
Erd-  und  Himmelskunde  eine  eingehende  Behandlung  der  sphärischen
Trigonomcetrie  für  erforderlich  erachtet,  da  die  nötigen  Formeln  sich
in  einfacher  Weise  bei  der  Behandlung  der  dreiseitigen  Ecke  ableiten
  lassen.  Jedenfalls  ist  hier  wie  überall  darauf  zu  achten,  daß
neben  der  Sicherheit  der  Kenntnisse  Gewandtheit  in  deren  Anwendung
  zu  erstreben  ist,  und  daß  dieser  Gesichtspunkt  bei  der  Auswahl
  und  Ausdehnung  des  Lehrstoffes  maßgebend  sein  muß.

In  der  obersten  Klasse  wird  auf  den  verschiedenen  Lcehrgebieten
  neben  der  fortgesetzten  Übung  im  l.ösen  von  Aufgaben  eine
zusammenfassende  Rückschau  auf  den  erledigten  I.chrstoff  angestrebt.
Dabei  bietet  sich  Gelegenheit,  den  Schülern  ein  eingehendes  Verständnis
  des  Funktionsbegriffes,  mit  dem  sie  schon  auf  früheren
Stufen  bekannt  geworden  sind,  zu  erschließen.

Dem  Übelstande,  dafs  der  Unterricht  auf  der  Oberstufe  einen
zu  ausschließlich  rechnerischen  Charakter  annimmt,  soll  durch  Fortsetzung
  der  Übungren  in  geometrischer  Anschauung  und  Konstruktion
gesteuert  werden.  Besonders  wird  im  stereometrischen  Unterrichte,
wanz  abgeschen  von  dem  Betriebe  der  darstellenden  Geometrie,
das  Verständnis  projektivischen  Zeichnens  vorbereitet  und  unterstützt.  --Im

  ganzen  hat  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  in  den  beteiligten
  Kreisen  eine  steigende  Bewegung  geltend  gemacht,  die
darauf  abzielt,  den  mathematischen  Unterricht  enger  an  den  naturwissenschaftlichen
  anzuknüpfen.  Als  Ursache  führt  einer  der  hervorrarendsten
  Vertreter  der  wissenschaftlichen  Mathematik,  F.  Klein*),
ein  doppeltes  an:  einmal  an  den  Schulen  selbst  das  Yrstarken  des
naturwissenschaftlichen  Interesses,  insbesondere  der  Physik,  und  weiterhin
  die  steisende  Wichtigkeit  der  Technik  und  das  praktische  Interesse
  der  Ingenieure.  Einen  charakteristischen  Ausdruck  hat  dieses
Bestreben  bereits  in  Jahre  1891  in  einem  Beschlusse  des  „Vereins
zur  Förderung  des  mathematisch  -naturwissenschaftlichen  Unterrichts"
sefunden,  der  auf  der  Jahresversammlung  in  Braunschweig  gefaßt
wurde  und  folgendermaßen  lautet:  „Die  Schüler  der  höheren  l.chranstalten
  sind  im  allgemeinen  noch  zu  wenig  imstande,  das  Mathematische
  in  den  sich  ihnen  im  Leben  darbietenden  Erscheinungen  zu
erkennen,  und  zwar  ist  die  Ursache  davon  vorzugsweise  in  dem  Um-*)

  Die  Retorm  der  höheren  Schulen,  Seite  361.