Die  einzelnen  Unterrichtslächer.  147

daß  cs  keine  fachmäßig  ausgebildeten  Lehrer  der  Erdkunde  gab.
Ähnlich  wie  in  den  neueren  Sprachen  hat  man  erst  seit  1870  angefangen,
  ordentliche  Universitätsprofessuren  für  Geographie  einzurichten,
und  erst  seit  1887  ist  die  Erdkunde  im  Oberlchrerexamen  als  selbständiges
  Prüfungsfach  anerkannt  und  damit  auch  dem  Nichthistoriker
die  Möglichkeit  gegeben,  sich  die  Befähigung  für  diesen  Unterricht
durch  eine  nach  sachlichen  Bedürfnissen  geordnete  Vorbildung  zu  erwerben.
  Allein  die  geringe  Stundenzahl,  die  dem  Fache  durchweg
zugewiesen  ist,  hat  cs  bisher  meist  verhindert,  daß  diese  Vorbildung
praktisch  zur  Geltung  kam.  Tatsächlich  ist  es,  auf  den  dreisprachigen
Anstalten  wenigstens,  wesentlich  beim  alten  geblieben,  und  zumeist
erteilen  vor  wie  nach  nur  Historiker  den  Geographicunterricht.

Der  modernen  Entwicklung  der  Geographie  zu  einer  Naturwissenschaft,
  oder  richtiger  zu  einem  durch  besondere  Gesichtspunkte
zusammengehaltenen  Komplexe  naturwissenschaftlicher  Forschungen,
sind  also  unsere  höheren  Lehranstalten  in  allgemeinen  nicht  gefolgt;
auch  der  Verkehrs-Geographie  ist  nur  ein  beschränkter  Raum  zugewiesen.
  Sachlich  zu  rechtfertigen  ist  das  nicht  mehr,  nachdem  unser
Schulwesen  die  formalistische  Zielsetzung  des  neuhumanistischen  Bildungsideals
  aufgegeben  hat.  Aber  begreiflich  ist  es  immerhin,  einmal
aus  dem  Stande  der  Wissenschaft  selbst,  die  über  die  Registrierung
von  Tatsachen  hinaus  bis  jetzt  verhältnismäßig  wenig  feste  Ergebnisse
  aufweist  und  jedenfalls  cben  erst  begonnen  hat,  ihre  Kausalerklärungen
  dem  Bereich  der  subjektiven  Ilypothese  zu  entzichen  und
auf  das  Gebiet  sicherer  methodischer  Forschungen  neu  zu  gründen.
Und  auch  das  darf  man  nicht  verschweigen,  daß  aus  den  geographischen
  Fachkreisen  zwar  eine  Reihe  vorzüglicher  Anschauungsmittel
hervorgegangen  ist,  aber  trotz  mancher  theoretischer  Bemühungen
hervorragender  Gelehrter  doch  wenig  wirklich  brauchbare  Ansätze
zu  einer  praktisch  durchführbaren  Zielsetzung  und  einer  entsprechenden
Lehrmethode.  Die  Ansprüche,  die  dort  erhoben  werden,  schießen
vielfach  weit  über  das  mögliche  und  wünschenswerte  Ziel  hinaus.
Sie  verlangen  zu  viel  Einprägung  von  Gedächtnisstoff  und  vor  allem
eine  Grundlegung  der  physischen  Geographie,  wie  sie  wiederum  nur
durch  eine  erhebliche  Erweiterung  des  naturwissenschaftlichen  Unterrichts
  erreichbar  wäre.  Allerdings  stellt  sich  auch  den  gerechtfertigten
Ansprüchen  bis  jetzt  ein  Hindernis  entgegen.  Die  naturwissenschaftliche
  Erdkunde  mit  den  zahllosen  mathematischen,  physikalischen  und
chemischen  Anschauungen,  die  sie  voraussetzt,  kann  mit  Erfolg  nur
auf  der  oberen  Stufe  gelehrt  werden,  während  die  untersten  und  die

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