Die  einzelnen  Unterrichtsfächer.  151

im  Laufe  der  letzten  0  Jahre  durchgesetzt  hat.  Im  Lincarzeichnen
treten  zwei  praktisch  getrennte  Stufen  hervor.  An  den  Realschulen
und  in  den  beiden  ersten  Jahren  des  Unterrichts  an  den  Vollanstalten
wird  der  Hauptnachdruck  auf  die  Lösung  praktischer  Aufgaben,  d.  h.
auf  das  geometrische  Darstellen  cinfacher  Modelle,  Geräte,  Gebäudeteile
  usw.  gelegt;  auf  der  oberen  Stufe  wird  das  geometrische  und
perspektivische  Zeichnen  einschließlich  der  Schattenkonstruktion  weiter
ausgebildet.

Zweitens  ist  nun  aber  charakteristisch  die  Tendenz  und  die
Methode  des  künstlerischen  Freihandzeichnens.  Das  heute  (reltende
hat  sich  erst  scit  kurzer  Zeit,  etwa  seit  anderthalb  Jahrzehnten,  durch
die  reformatorischen  Bemühungen  einer  Anzahl  von  künstlerisch  gerichteten
  Pädagogen  durchgesetzt,  und  es  sind  dabei  amerikanische
und  englische  Vorbilder  von  entscheidendem  Einfluß  gewesen.  Die
leitenden  Gesichtspunkte  werden  in  den  Lehrplänen  folgendermaßen
bestimmt:  Das  Auffassungsvermögen  und  die  Beobachtungsgabe  der
Schüler  sollen  entwickelt,  ihre  Hand  zu  einer  freien  und  sicheren
Linienführung  befähigt,  ihrem  natürlichen  Gestaltungstriebe  Gelegenheit
  zur  Betätigung  gegeben  werden.  Durch  Übungen  im  Skizzieren
und  im  Zcichnen  aus  dem  Gedächtnis  sollen  die  Schüler  lernen,  die
charakteristischen  Eigenschaften  eines  Gegenstandes  rasch  zu  erfassen
und  in  klaren  Vorstellungen  zu  gestalten.

„Um  zu  dem  gesteckten  Ziele  zu  gelangen“,  sagt  L..  Pallat,
einer  der  Führer  der  modernen  Bewegung,  (Die  Reform  der  höheren
Schulen,  5.  309)  „verlangt  der  neue  Lehrplan,  daß  das  Zeichnen
nach  wirklichen  Gegenständen  und  nach  der  Natur  vom  Beginne  des
Zeichenunterrichts  in  Quinta  ab  durch  alle  Klassen  betrieben  werde.
Er  fordert  ferner,  daß  nicht  nur  der  Formen-,  sondern  auch  der
Farbensinn  der  Schüler  entwickelt  werde,  und  zwar  nicht  nur  durch
theoretische  Belehrung,  sondern  durch  praktische  Übungen  in  der
unmittelbaren  Wiedergabe  von  Farben  der  Natur.  Weiter  sind  für
alle  Klassen  Übungen  im  Skizzieren  und  im  Zeichnen  aus  dem  Gedächtnis
  vorgeschrieben.  Durch  diese  Übungen  soll  der  Schüler  von
vornherein  das  Wesentliche  der  Erscheinung  eines  Gegenstandes  mit
raschem  Blick  erfassen  lernen  und  sich  zu  dauerndem  Besitze  einprägen.
  Seine  Zeichnung  soll  dartun,  daß  er  das  Charakteristische
eines  Gegenstandes,  z.  B.  cines  Eis,  eines  Reifens,  eines  Naturblattes,
  eines  Schmetterlings,  einer  Vase,  einer  Frucht  usw.  klar  in
sich  aufgenommen  hat.  Auch  bei  der  zeichnerischen  Darstellung
soll  in  jedem  Stadium  der  Ausführung  das  Ganze  des  nachzu-