Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.  339

ERSTER  ABSCHNITT.

Geschichte  des  Mädchenbildungswesens  in  Deutschland.

I.
Die  Frauenbildung  im  Mittelalter.

Die  Geschichte  des  weiblichen  Unterrichtswesens  in  Deutschland
  beginnt  in  den  ersten  Frauenklöstern.  Vor  Bonifacius  finden
wir  Frauenklöster  nur  in  den  mit  römischer  Kultur  durchsetzten  Gebieten
  des  südwestlichen  Frankreichs;  dann  aber  entstanden  durch
die  Tätigkeit  des  großen  irischen  Missionars  auch  in  den  deutschen
Gebieten,  vor  allem  in  Mitteldeutschland,  Niederlassungen  von  Nonnen.
Gelehrte  und  mutige  Frauen  gründeten  in  Thüringen,  in  Bayern  und
am  Rhein  Klöster  und  versuchten,  die  deutschen  Jungfrauen  für  ein
geistliches  Leben  und  gelchrte  Studien  zu  gewinnen.  Denn  wohlbewandert
  waren  die  Freundinnen  des  Bonifacius  in  den  sieben  freien
Künsten.  Der  gelehrte  Briefwechsel  der  Zeit  zeigt  manchen  Frauennamen,
  und  nicht  selten  wird  der  emsige  Bienenfleiß  gerühmt,  mit
dem  man  in  den  Frauenklöstern  nicht  nur  die  heiligen  Schriften,
sondern  auch  die  Kommentare  der  Kirchenväter  durchforschte  und
sich  grammatikalischen  und  metrischen  Arbeiten  hingab.!)

Erst  unter  Ludwig  dem  Frommen  erhielten  die  Frauenklöster,
die  in  immer  größerer  Zahl  entstanden,  eine  feste  Organisation  durch
die  institutio  sanctimonialium,  die  auf  dem  Konzil  zu  Aachen  817
erlassen  wurde.  Die  in  diesem  Beschluß  festgesetzten  Unterrichtsstoffe
  für  die  Nonnen  richteten  sich  nach  dem  bekannten  Briefe  des
Kirchenvaters  Hieronymus  an  I.acta;  aber  während  hier  die  ganze
heilige  Schrift  zu  lesen  empfohlen  wurde,  strich  die  institutio  den
Heptateuch  und  das  Hohclied,  da  man  befürchtete,  die  Jungfrauen
würden  ihren  Inhalt  nicht  in  seinem  geistlichen  Sinne  fassen.  Unter
der  Herrschaft  der  Karolinger  vermehrte  sich  die  Zahl  der  Frauenklöster
  in  Deutschland  sehr  sehnell;  im  Jahre  W  sind  schon  ungefähr
  70  nachweisbar.?)

Während  bis  dahin  der  Lescunterricht,  der  sich  an  den  latei-!)

  Leo  Bönhoff:  Aldhelm  von  Malmesbury.  Leipziger  Dissertation.  189.
Rudolf  von  Fulda:  Leben  der  heiligen  Lioba.
?)  Hauck:  Kirchengeschichte  Deutschlands  II.  2.  Aufl.  1900.  S.  796  il.